Gemeinsam gegen einsam
Projekte in Deutschland und der ganzen Welt haben gezeigt: Einsamkeit lässt sich am besten mit anderen überwinden. Te:nor wirft erneut einen Blick auf Netzwerke, die Menschen miteinander verbinden.
Rund 82 Prozent der Deutschen nehmen eine Spaltung der Gesellschaft war. Das hat die Forsa-Studie zur Stimmungslage in Deutschland von midi - Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e. V. Ende 2024 ergeben. Mit gravierenden Folgen: Spaltung führt zu mehr Distanz, die wiederum zu mehr Einsamkeit. Die Gefahr, weiterer Polarisierungen steigt – ein sozialer Teufelskreis. Im dritten Beitrag über soziale Netzwerke stellt Te:nor drei Initiativen vor, die diese Dynamik durchbrechen wollen. Mit moderner Nachbarschaftshilfe, sportlichen Ausflügen und initiierten Freundschaften bringen sie Menschen einander wieder näher.
Aktion 1: Tausche Zeit gegen Zeit
Nach Hilfe zu fragen, fällt vielen Menschen schwer. Vor allem, wenn es um so alltägliche Aufgaben wie Einkaufen, Arbeiten im Haushalt oder um Unterstützung bei Amts- oder Arztbesuchen geht. Viele hält auch die Angst vor Zurückweisung zurück. Und manche stellen sich die Frage, ob und wie sie sich denn jemals bei hilfreichen Mitmenschen revanchieren könnten.
Die Spes Zukunftsakademie hat 2006 in Österreich eine Initiative ins Leben gerufen, die es Menschen leichter machen soll, Hilfe in Anspruch zu nehmen – und gleichzeitig selbst aktiv Hilfe anzubieten. Der Verein Spes e.V. brachte die Initiative drei Jahre später auch nach Deutschland. Die Idee: In der Zeitbankplus eröffnen die Mitglieder ein Konto, dessen Währung nicht etwa Geld, sondern Zeit ist. Für jede Stunde Unterstützung, die Mitglieder leisten, erhalten sie selbst ein gleichwertiges Zeit-Guthaben, das sie wiederum bei anderen Mitgliedern einlösen können. „Wir verstehen uns als moderne Nachbarschaftshilfe, die jeder – Alt und Jung – nutzen kann“, sagt Ulrich Böll, Projektleiter der Zeitbankplus.
Das Prinzip: Freiwilliges, gegenseitiges Nehmen und Geben sollen im Gleichklang sein. „Helfe ich jemanden eine Stunde im Garten, kann ich selbst eine Stunde Zeit für eine Aktivität meiner Wahl bei anderen in Anspruch nehmen, zum Beispiel für einen gemeinsamen Kinobesuch oder für Unterstützung beim Einkaufen“, erklärt Böll.
In Deutschland gibt es aktuell 13 Zeitbankplus-Vereine mit insgesamt 600 Mitgliedern – der überwiegende Teil sind ältere Menschen in Rente, aber auch Alleinlebende, Geflüchtete, neu in die Stadt Zugezogene oder Familien mit Kindern. Nach einem persönlichen Kennenlerngespräch richtet der Verein das Zeitbankplus-Konto ein, das die Mitglieder anschließend eigenständig per App führen können. Alternativ können Vereinsmitglieder aber auch Zeit-Schecks auf Papier ausstellen. Diese Schecks können die Empfänger dann zum Beispiel bei den monatlichen Treffen zur Stundenverbuchung abgeben. „So erreichen wir auch diejenigen, die keinen Laptop oder kein Smartphone haben“, sagt Böll und ergänzt: „Das ist wichtig, weil wir möglichst viele Menschen miteinbeziehen möchten – so kann jeder helfen und Hilfe erhalten.“
Ein Projekt, bei dem Alte und Junge zusammenfinden, stellt Te:nor in einem anderen Beitrag vor: Jugend hilft lindert die Wohnungsnot Studierender und gibt gleichzeitig Senioren mehr Sicherheit in den eigenen vier Wänden.
Aktion 2: Gemeinsam unterwegs, in jedem Alter
Jeder hat ein Recht auf Wind in den Haaren! Das ist das Motto des Gemeinschaftsprojekts Radeln ohne Alter. „Unsere ehrenamtlichen Pilotinnen und Piloten unternehmen mit ihren Passagieren Fahrradtouren in Rikschas“, erklärt Caroline Kuhl, Gründerin von Radeln ohne Alter Deutschland e. V. Alle Rikschas verfügen über eine Einstiegshilfe, die es nicht nur älteren, sondern auch mobilitätseingeschränkten Menschen ermöglicht, wieder Radtouren ins Grüne zu unternehmen.
Das Konzept für Radeln ohne Alter hatte Ole Kassow erstmals im Jahr 2012 in Dänemark umgesetzt – Cycling Without Age fand so viele Anhänger, dass es sich in kürzester Zeit weltweit etablierte. 2015 rollten die ersten Rikschas durch Berlin und 2017 durch Bonn. Die Bilanz aus dem Jahr 2023 zeigt den Erfolg der Initiative: 2.145 Piloten unternahmen mit circa 34.500 Passagieren insgesamt rund 20.100 Fahrten. Mehr als 237.000 Kilometer legten sie dabei zurück. „Mein Highlight mit der Rikscha war eine Fahrt durch den botanischen Garten in Bonn“, erinnert sich zum Beispiel Erika Strobel. Für die Seniorin sei die Tour ein Moment der Ruhe gewesen.
Aktion 3: Freunde finden leicht gemacht
Als Fahed Khalili im Januar 2015 aus Syrien nach Deutschland flüchtete, kannte er niemanden. Ein halbes Jahr später stellte ihm das Projekt Start with a Friend e.V. (SwaF) Anne-Marie vor. Gemeinsam unternahmen sie zum Beispiel Ausflüge, um den neuen Wohnort besser kennenzulernen, oder sie gingen einfach nur einen Kaffee trinken, um zu plaudern.
Tandems heißen die Paare, die SwaF zusammenbringt. „Wir möchten aber keine Zweckverbindungen, sondern echte Freundschaften fördern“, sagt Geschäftsführerin Nilab Alokuzay-Kiesinger. Den perfekten Match hinzubekommen, ist gar nicht so einfach. Dies ist der Job von ehrenamtlichen Tandemvermittlern. Sie lernen Neuankömmlinge und Locals zunächst persönlich kennen und loten aus: Was sind gemeinsame Interessen? Wie sind die individuellen Lebensumstände? Nach Kriterien wie diesen erstellen sie anschließend einen Match-Vorschlag, die Beteiligten bilden ein Tandem. Fahed und Anne-Marie verbindet inzwischen eine tiefe Freundschaft. Das Projekt hat ihn so nachhaltig bewegt, dass er sich seit 2016 selbst für SwaF engagiert und seit Januar 2025 sogar Vorstandsvorsitzender des Vereins ist.
2014 gegründet, arbeiten heute 350 Ehrenamtliche in 25 Städten in Deutschland und Österreich bei SwaF. Pro Standort existieren im Durchschnitt circa 100 Tandems. Inzwischen vermitteln Alokuzay-Kiesinger und ihr Team nicht nur an aus dem Ausland Zugezogene. „Seit etwa ein- bis eineinhalb Jahren erhalten wir vermehrt Anfragen von Menschen, die bereits in Deutschland leben und auf der Suche nach Freunden sind oder einfach neue Leute kennenlernen wollen – unabhängig davon, ob sie in Deutschland geboren, hierher eingewandert oder geflüchtet sind“, erklärt die Geschäftsführerin.
Gemeinsam weniger einsam sind Menschen auch durch diese Projekte:
Der Verein vermittelt ehrenamtliche Patenschaften zwischen Kultur- und Kunstschaffenden sowie Unternehmen in der Rheinmetropole. Wie im Fall vom Theaterkönig , einem inklusiven Theaterprojekt, das eine neue Webseite brauchte. Diese hat Nina Kradepohl, selbstständige PR- und Kampagnenmanagerin, kostenfrei erstellt und kümmert sich seitdem auch um die Pressearbeit des Theaterkönigs.
Wie buche ich online eine Reise? Und wie bleibe ich mit meinen Enkeln online in Kontakt? Das Team vom Projekt Digitaler Engel aus Berlin tourt mit zwei Infomobilen durch ganz Deutschland, um älteren Menschen digitale Kompetenzen zu vermitteln.
Gegründet 2020 in Hamburg, finden Menschen auf der digitalen Plattform ein offenes Ohr bei über 350 Therapeuten, Mental-Health-Experten oder geschulten Coaches. Die Ehrenamtler hören zu und beraten per Telefon, Skype, Zoom, WhatsApp oder Facetime zu Themen wie Beziehungen, psychische Erkrankungen oder persönliche Weiterentwicklung.
Die Initiative aus Wiesbaden veranstaltet kostenlose interaktive Online-Kulturveranstaltungen, die sich vor allem an ältere Menschen richten. Ob Improvisationstheater, Lesungen oder Workshops – eine Stunde lang heißt es Mitmachen statt nur Dabeisein.
6.158 Menschen
ab 65 Jahren lebten 2023 in einem Einpersonenhaushalt in Deutschland.
Quelle: Statistisches Bundesamt
65 Prozent
der Deutschen würden gerne mehr mit Freunden unternehmen.
Quelle: Freizeit-Monitor 2024 der Stiftung für Zukunftsfragen

Junge helfen Alten, Alte helfen Jungen – das ist die Idee. Junge Menschen werden von der Pflegekasse dafür bezahlt, Ältere im Haushalt zu unterstützen. Seniorinnen und Senioren teilen in Zeiten der Wohnungsnot ihr zu groß gewordenes Haus mit Studentinnen und Studenten. Wenn die verschiedenen Generationen füreinander da sind, profitieren alle.

Überweisungen aufgeben, Nachrichten lesen, im Fitnessstudio einchecken, Arzttermine buchen: Wir sind ständig online. Doch was macht das mit uns und unserem Leben außerhalb der digitalen Welt? Und geht es uns besser, wenn wir das Smartphone einfach einmal beiseitelegen?

Wer Vollzeit zu Hause arbeitet, schont die Umwelt und kann sein grünes Gewissen beruhigen. Stimmt das tatsächlich? Welchen Beitrag leistet der Büroplatz daheim wirklich zu einer nachhaltigen Arbeitswelt?

Frauenrechte und Schutz vor Gewalt sind eng miteinander verknüpft. Warum Deutschland trotz bestehender Gesetze weiterhin Verbesserungsbedarf hat, erklären die beiden Juristinnen Sibylla Flügge und Zümrüt Turan-Schnieders.