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Verkehrswende an der Seine

Text von Anna Friedrich
01.12.2021
Nachhaltigkeit

Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat in wenigen Jahren geschafft, was anderen Städten in Jahrzehnten nicht gelungen ist: Die Politikerin hat eine radikale Verkehrswende eingeläutet. Damit zeigt sie, was in kurzer Zeit möglich ist – wenn eine Stadt sich ändern will.

Wenn sich Anne Hidalgo ihr Paris der Zukunft vorstellt, denkt sie an eine 15-Minuten-Stadt. „Mein Ziel ist es, Paris zur Stadt der Nähe zu machen, in der wir alles Notwendige in einer Viertelstunde von zu Hause aus zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen können“, sagte Hidalgo der Sonntagszeitung Le Journal du Dimanche im Oktober 2020. Damit das wie geplant funktioniert, investiert die Pariser Bürgermeisterin unter anderem kräftig in den Ausbau des Fahrradnetzes – und nimmt Autofahrern damit viel Platz weg.

Paris ist sicher nicht die erste Metropole, die Fahrrädern, öffentlichem Nahverkehr und der Lebensqualität Priorität einräumt. Die skandinavischen Vorzeigestädte Kopenhagen und Stockholm sind längst weiter auf diesem Weg. Aber: Paris wandelt sich innerhalb weniger Jahre radikal – und dortige Politiker kämpfen mit härteren Bandagen. Die französische Hauptstadt zählt zu den am dichtesten besiedelten Großstädten der Welt. Rund 20.000 Menschen leben hier auf einem Quadratkilometer. Zum Vergleich: Die Fahrradstadt Kopenhagen zählt gerade einmal 7.400 Menschen auf gleicher Fläche. Die Pariser wohnen und bewegen sich dicht an dicht in der Seine-Metropole – lange Staus und überfüllte Metros sind Alltag. Ausweichmöglichkeiten gibt es kaum.

Deshalb nimmt Hidalgo das, was bislang den Autofahrern gehörte, und widmet es um – für Spaziergänger, Radfahrer und den öffentlichen Nahverkehr. Statt Schnellstraßen entlang des Seine-Ufers gibt es nun Grünflächen, Straßencafés und Bars. Rund 60.000 Parkplätze hat die Bürgermeisterin bereits in der Innenstadt entfernen lassen, auch die einst vielbefahrene Rue de Rivoli entlang des Louvres ist inzwischen eine Fahrradstraße. Hidalgo, die die Seine-Metropole seit dem Jahr 2014 regiert, hat für ihren potenziellen Amtsnachfolger:in bereits Nägel mit Köpfen gemacht: Ab dem Jahr 2024 schließt Paris seine Tore für Diesel-betriebene Verbrenner, ab 2030 dürfen auch keine Benziner mehr rein, ab dann fahren in der Innenstadt nur noch Elektroautos.

Und: Ihr „Plan Velo“, zu Deutsch „Fahrradplan“, sieht vor, perspektivisch 70 Prozent der Parkplätze für Autos in der Stadt aufzugeben; dafür sollen 130.000 Fahrradparkplätze entstehen. Jede Straße und jede Brücke in der Pariser Innenstadt soll einen Fahrradweg bekommen. 150 Millionen Euro hat die Bürgermeisterin dafür schon investiert, bis zum Jahr 2026 sollen noch einmal 250 Millionen Euro dazukommen. Mit diesem Ansatz ist Hidalgo längst keine Radikale mehr, selbst Auto-Bosse wie VW-Chef Herbert Diess sagen inzwischen Sätze wie diesen: „In überfüllten urbanen Zentren wird das Auto – auch das emissionsfreie E-Auto – künftig nur dann akzeptiert, wenn das Rad genug Raum im Mobilitätsmix hat.“

Damit dieser Mix möglichst ausgewogen ist, setzt Hidalgo auf ein ganzheitliches Konzept. In fast der ganzen Stadt gilt bereits Tempo 30, um Lärm und Schadstoffausstoß zu begrenzen, die Lebensqualität für Anwohner zu erhöhen und die Straßen für Radfahrer sicherer zu machen. Ab 2022 sollen einige Innenstadtbezirke zudem verkehrsberuhigte Zonen werden. In diese Gebiete dürfen mit dem Auto dann nur noch Anwohner, die Polizei, Lieferanten, Handwerker, Taxis und Rettungsdienste. Damit will die Stadt vor allem den Durchgangsverkehr reduzieren: Jeden Tag fahren rund 180.000 Fahrzeuge durch die Pariser Innenstadt, nur zehn Prozent davon entfallen Schätzungen zufolge auf Anwohner.

Hidalgos nächstes Projekt ist die Neugestaltung der Prachtstraße Champs-Élysées. Die Hauptverkehrsader soll als Teil des Projekts „Les Champs des possible“ komplett begrünt werden, mit Parkflächen, Spielplätzen und Cafés. Autospuren gibt es nur noch zwei, für Elektroautos. Investitionssumme: 250 Millionen Euro. Die erste Etappe soll zu den Olympischen Spielen 2024 in Paris fertig sein, dann sollen vom Place de la Concorde bis zum Triumphbogen bereits hunderte neue Bäume stehen – und einen ersten Vorgeschmack auf die Flaniermeile der Zukunft bieten.  

Immer wieder gibt es aber auch Kritik an Hidalgos Plänen. Die Bürgermeisterin lasse die Vororte und Randviertel bei ihren Planungen außen vor, die zum Teil noch nicht einmal ausreichend an die Metro-Linien angebunden sind, sagen die einen. Die anderen werfen Hidalgo anarchische Methoden auf dem Weg zur autofreien Stadt vor: Sie lasse Autospuren und Parkplätze kurzfristig sperren, mache in beiden Richtungen befahrbare Straßen über Nacht zu Einbahnstraßen. Trotz aller Kritik haben die Pariser Hidalgo im Jahr 2020 wiedergewählt, im kommenden Jahr will sie sogar als Kandidatin bei der Präsidentschaftswahl antreten. Aufmerksamkeit ist ihr dabei sicher – und der ein oder andere Blick auf das autofreie Paris sicherlich auch.

180 Kilometer
zusätzliche Radwege sollen bis zum Jahr 2026 in Paris entstehen.

250 Mio. Euro
investiert Paris in den Ausbau des Radnetzes, um die Vororte besser mit der Innenstadt zu verbinden.

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