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Das Gold vom Feld

Text von Lilian Schmitt
19.04.2023
Nachhaltigkeit

Stroh zu Sprit: Was märchenhaft klingt, kann viel CO2 einsparen. Forschung, Unternehmen und auch die Politik wollen so die Energiewende vorantreiben.

Rund 50 Milliarden Kilometer legen Lkws jährlich in Europa zurück. Für die schweren Lasten, die sie transportieren, brauchen sie viel Diesel. Zusammen mit Bussen sind sie für rund 30 Prozent der CO2-Emissionen im EU-Straßenverkehr verantwortlich. Eine klimafreundliche Alternative könnte diesen Anteil eingrenzen: nachhaltiger Treibstoff aus Stroh. Experten vermuten, dass genug Halme auf den Äckern liegen, sodass etwa jeder dritte Lkw in Europa damit fahren könnte.

Vom Feld in den Tank

Vielleicht lässt sich Stroh nicht zu Gold spinnen, aber zumindest kann es das schwarze Gold im Tank ersetzen. „Das Ziel ist es, vom fossilen Kraftstoff wegzukommen. Überall da, wo ein E-Motor nicht oder noch nicht geht, ist Kraftstoff aus Stroh eine mögliche Alternative“, sagt Karin Naumann vom Deutschen Biomasse Forschungszentrum (DBFZ). Sie ist Projektleiterin einer Forschungsanlage in Leipzig, an der das DBFZ Konzepten zu Kraftstoff aus Rest- und Abfallstoffen nachgeht. „Gleichzeitig reduzieren wir damit Abfälle und schließen Kreisläufe“, sagt Naumann. Je nach Szenario berechnet das DBFZ, dass jährlich bis zu zehn Millionen Tonnen der abgedroschenen Halme zur Produktion von Biokraftstoff genutzt werden können.

Vom Feld kommt das Stroh in Biomethananlagen und wird dort weiterverarbeitet. Die Forscher vom DBFZ sind dabei nicht die einzigen, die sich mit der Herstellung von Kraftstoffen aus dem landwirtschaftlichen Restprodukt Stroh beschäftigen. Einer der Marktführer für Biosprit in Deutschland ist die Vereinigte Bioenergie AG (Verbio). Das börsennotierte Unternehmen mit Sitz in Zörbig nahe Halle (Saale) betreibt im brandenburgischen Schwedt eine Raffinerie, die Biokraftstoffe herstellt. Diese werden als Bioethanol Benzin beigemischt.

Perfekter Stroh-Kreislauf

Die Anlage von Verbio zerkleinert und trocknet das Stroh zunächst. Schließlich kommt es für 30 Tage in einen Gärtank. Dort zersetzen Bakterien das Stroh und wandeln es in Biogas und CO2 um. Anschließend wird das Rohbiogas getrocknet und gereinigt und kann schließlich als sauberes Biomethan ins Gasnetz eingespeist werden. Die beim Fermentieren entstandenen Gärreste des Strohs können Landwirte als Düngemittel auf ihren Feldern verteilen. „Dieser doppelte Nutzen macht Stroh zum vielversprechenden Rohstoff“, sagt Naumann vom DBFZ. Hinzu kommt: Da der Rohstoff nicht extra neu angebaut wird, sondern lediglich ein Abfallprodukt ist, konkurriert er auch nicht mit anderen Nutzpflanzen wie Mais um die wertvollen Ackerflächen.

Auch in der Treibhausgasbilanz schneidet der Kraftstoff gut ab. „Das Stroh geht mit einem leeren CO2 Rucksack in die Bilanzierung ein“, sagt die Forscherin. Das liegt daran, dass die Pflanze während des Wachstums CO2 aufnimmt. In die Bilanz geht also nur noch das CO2 ein, das im Herstellungsprozess entsteht. So vermeiden Biokraftstoffe aus Stroh in der Regel bis zu 90 Prozent an Treibhausgasen.

Weniger Reichweite – aber schon jetzt einsatzbereit

Die Lkw-Flotte von Verbio hat zum Teil schon Stroh im Tank – in Form von Bioerdgas, sogenanntem Bio-CNG, das dem fossilen Erdgas sehr ähnlich ist. Naumann zufolge haben Lkws mit CNG (Compressed Natural Gas) im Tank jedoch nicht so eine hohe Reichweite. Rentabler sei daher verflüssigtes Biogas, sogenanntes Bio-LNG (Liquefied Natural Gas). Dieses weist eine vergleichbare Energiedichte wie Dieselkraftstoff auf. Doch wenn Lkws LNG tanken sollen, benötigen sie unter anderem spezielle, druckstabile Tanks. Dass Unternehmen künftig neue Fahrzeuge dafür kaufen müssen, sieht Forscherin Naumann langfristig nicht als Problem an. Mit steigender Verkehrsleistung haben Lkws eine sinkende Laufzeit. Das Durchschnittsalter von Lkws liegt bei 8,5 Jahren. „Wenn Unternehmen ohnehin Fahrzeuge austauschen müssen, können sie auf LNG-Fahrzeuge umsteigen“, sagt die DBFZ-Mitarbeiterin.

„Die Politik hat die letzten Jahre verpennt“

In Deutschland ist das Biomethangeschäft allerdings noch ein kleiner Wirtschaftszweig. Mit einem Umsatz von rund 1,8 Milliarden Euro stellt Verbio jährlich rund 900 Gigawatttonnen Biomethan her. „Wir könnten schon viel weiter sein“, sagt Claus Sauter, der Vorstandsvorsitzende gegenüber dem Wirtschaftsmagazin „brand eins“. Er moniert, dass die deutsche Politik zu einseitig auf E-Mobilität setze. Aus diesem Grund hat er sein Unternehmen um Standorte in Indien und in den USA erweitert. „Wir können in Deutschland nicht investieren, weil es einfach keine Planungs- und Investitionssicherheit gibt“, sagt Sauter.

Die USA dagegen fördern klimafreundliche Technologien derzeit massiv. Die milliardenschweren Investitionsprogramme aus dem Inflation Reduction Act locken auch viele deutsche Unternehmen über den Atlantik. Dagegen fällt das deutsche Förderkonzept für regenerative Kraftstoffe recht klein aus: Seit Auflage des Förderprogramms im Jahr 2021 bewilligte das Bundesverkehrsministerium zwölf Projekte, die Kapital in Höhe von insgesamt 100 Millionen Euro erhielten. Doch gleichzeitig möchte Deutschland vor allem seit Beginn des Ukrainekriegs noch schneller unabhängig von fossilen Rohstoffen werden. „Die Politik hat einfach die letzten Jahre verpennt. Sie hat nichts vorbereitet. Wir haben keinen Plan B in der Schublade. Und bei Plan A, dem Ausbau der erneuerbaren Energien, ist man ja auch nicht vorwärtsgekommen“, kritisiert Sauter Ende 2022 in seinem Podcast #strohklug.

Bis sein klimafreundlicher Stroh-Treibstoff hierzulande flächendeckend auf dem Markt ist, wird es wohl noch einige Jahre dauern. „Allerdings sind bereits viele Strukturen vorhanden oder im Aufbau“, sagt Karin Naumann. Auf eine genaue Zeitspanne will sich das DBFZ nicht festlegen. Diese hänge von vielen Faktoren ab, zum Beispiel von Genehmigungs- und Planungsprozessen für Unternehmen und für die Bauphasen der Biokraftstoff-Anlagen. Doch Naumann ist sich sicher, dass sich das Warten lohnt: „Verbio produziert schon jetzt erfolgreich Sprit aus Stroh – das ist das beste Argument dafür, dass das eine vielversprechende Option ist. Zudem kann das Methan langfristig auch in zahlreichen weiteren Sektoren genutzt werden und so einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten.“

11 Mio. Tonnen
CO2 Äquivalente konnten 2021 durch die Nutzung von Biokraftstoffen wie Stroh vermieden werden.
Quelle: zoll.de

18 Prozent
mehr CO2 stoßen Lkws und Busse seit 1990 aus.
Quelle: Statistisches Bundesamt

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