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Zu Hause im Revier

Text von Florian Kinast
12.02.2026
Gesellschaft

Natalie Kolb, Bild: Character

Seit drei Jahren kümmert sich Försterin Nathalie Kolb im Süden Bayerns um den Erhalt der Natur. In Zeiten des Klimawandels gestaltet sie die Zukunft des Waldes mit. Dabei muss sie sich nicht nur mit Hirschen, Wildschweinen und Borkenkäfern herumschlagen, sondern auch mit Männern.

Kürzlich führte Nathalie Kolb wieder mal Grundschüler durch den Wald. Acht- und Neunjährige, 3. Klasse, sie macht das öfters. Einige Tage vor der Tour schickte sie der Lehrerin noch eine Aufgabe für die Kinder zu. Als Vorarbeit. Sie sollten einfach mal aufmalen, wie sie sich, denn einen Menschen vorstellen, der im Wald arbeitet. Der die Bäume pflegt. Der sich um die Natur kümmert. Der auch Tiere abschießt. Als die Kinder die Zettel zur Führung mitbrachten, war Nathalie Kolb vom Ergebnis wenig überrascht. Auf allen Zeichnungen war ein Mann zu sehen, immer in grünem Gewand mit Gewehr, Hut und Hund, fast ausnahmslos mit weißem Rauschebart. Der Förster aus dem Bilderbuch. Das Klischee. Aber der Beruf ist ja tatsächlich noch immer eine große Männerdomäne – und eine Frau wie Nathalie Kolb die große Ausnahme. „Dabei ist es völlig egal, ob ich Hund und Hut dabeihabe oder nicht, oder ob ich einen grünen Lodenmantel oder ein pinkes T-Shirt trage“, sagt sie. „Hauptsache, ich mache meinen Job gut.“

Nathalie Kolb ist 27, sie arbeitet bei den Bayerischen Staatsforsten. Ihr Einsatzbereich umfasst mehrere Reviere in Südbayern, viele davon in den Voralpen. Als sie Punkt zehn Uhr zum Treffpunkt im Forstenrieder Park kommt, am südlichen Münchner Stadtrand, ist sie schon lange unterwegs, seit vier Uhr morgens. Zuerst in der Bergwelt am Walchensee, auf der Suche nach Rotwild. „In der Dämmerung loszuziehen“, sagt sie, „meist in Funklöchern ohne Handyempfang, das hat schon fast was Meditatives.“ Ein Grund, warum sie ihren Beruf so gern mag, einer von vielen.

Ins Museum? In den Wald!

Fasziniert hat sie der Wald schon immer. Als Kind wuchs sie in Berchtesgaden auf, mit einer Freundin schaute sie gerne die TV-Serie vom „Forsthaus Falkenau“. Als in der 9. Klasse ein Schülerpraktikum auf dem Programm stand, gingen viele ihrer Freundinnen zu einem Arzt, in ein Museum, in eine Zeitungsredaktion. Sie selbst wollte zu einem Förster. Sie lernte, wie man Tierfährten liest und Vogelstimmen erkennt, oder auch, wie man einen gesunden Baum von einem kranken unterscheidet. „Die Natur plötzlich ganz anders wahrzunehmen und zu verstehen, was um mich herum so passiert, das fand ich sehr beeindruckend“, erzählt sie. Nach dem Abitur studierte sie in Freising Forstingenieurswesen, zum Abschluss gab es noch ein Jahr Crashkurs an Fachwissen in der Forstschule Lohr am Main. Nun ist sie nach ihrem Staatsexamen seit drei Jahren Försterin. Aus Leidenschaft. Weil es ihr um Naturschutz geht, um den Erhalt der Umwelt. Und um unsere Zukunft. Denn der Wald ist der wichtigste CO2 Speicher und Sauerstoffspender. Aber er hat es schwer in Zeiten des Klimawandels. Trockenheit, Stürme und Schädlinge setzen ihm ordentlich zu vor allem in Monokulturen, also Wäldern, die nur aus einer Baumart bestehen.

Die Natur plötzlich ganz anders wahrzunehmen und zu verstehen, was um mich herum so passiert, das fand ich sehr beeindruckend.
Natalie Kolb

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden in Deutschland ganze Wälder gerodet für den Wiederaufbau zerstörter Städte in England, Frankreich oder der Sowjetunion. Man nannte diesen massiven Kahlschlag auch die „Reparationshiebe“. Bis in die 1960er-Jahre pflanzte man dafür zwar wieder Bäume nach, aber fast ausschließlich Fichten. Denn die Fichte wächst schnell. Und bringt schnell viel Holz. Doch die neuen Monokulturen hatten einen großen Nachteil. Viel weniger Pflanzen- und Tierarten wurden hier in Symbiose mit den Bäumen heimisch. Und die Wälder wurden anfälliger für Extremwetter. „Mischwälder mit mehreren Baumarten sind viel robuster“, sagt Nathalie Kolb, „sie durchwurzeln den Boden besser, sind bei Stürmen widerstandsfähiger. Und wenn eine Baumart mal komplett ausfällt, dann relativiert sich in einem Mischwald der Verlust.“ Vergleichbar sei das mit Feldern, auf denen Mais und Raps, Kartoffeln und Kür bisse wachsen. Fällt in einem Jahr mal die Kartoffelernte aus, tut es zwar weh. Aber zum Glück sind auf den Feldern ja nicht nur Kartoffeln angebaut worden.

Mein Feind und Kupferstecher

Baumarten wie die Fichte fallen vor allem auch bei Schädlingsbefall gerne aus. Nathalie Kolb zeigt dies im Distrikt Zehn, so heißt ein Teilareal im Forstenrieder Park. Hier hat der Borkenkäfer ganze Arbeit geleistet, speziell die Arten Buchdrucker und Kupferstecher, die am liebsten Fichten aussuchen, um sich durch die Rinde zu bohren und samt ihrer nachgewachsenen Brut die Bäume von innen heraus zu zerstören. Distrikt Zehn ist auf den ersten Blick trostloses Ödland, hier mussten sie zuletzt etliche tote Fichten fällen. 

Aber es wächst auch einiges an zarten Pflänzchen nach. Die junge Buche im Unterholz etwa, die sich hier am Standort durch angeflogene Samen entwickelt und den Wald wieder ganz natürlich verjüngt. Oder die kleinen putzigen Tannen, die gerade mal ihren ersten Lebensmeter erreicht haben, gut abgeschirmt und hinter zylinderförmigen Zäunen, den sogenannten Drahthosen. Eine Art Welpenschutz für den Nachwuchs. Denn auch die hier beheimateten Wildtiere sind eine Gefahr, vor allem Hirsche oder Rehe. Sie fressen gerne die Triebe junger Bäume oder reiben sich an den Stämmen. Dadurch verletzten sie die Borke und den Bast darunter, die Schutzschicht. Pilze können eindringen und dann ist das junge Leben des Baums auch schon wieder vorbei. 

Deswegen ist das Schießen von Tieren in der Forstwirtschaft unerlässlich. Nathalie Kolb sagt, dass sie Tiere sehr gern möge, aber die Regulation des Wild bestands durch die Jagd ein wichtiger Faktor sei, damit der Wald wachsen kann. Dafür nutzt sie eine Repetierbüchse, Marke Blaser R8, im Kaliber .308 Winchester. Natürlich bleifrei, damit keine Rückstände bleiben. Damit die Umwelt sauber bleibt. Von Distrikt Zehn aus führt Nathalie Kolb noch weiter durch den Forst. Vorbei an alten, dick verästelten und geschwungenen Eichen, die in ihrer Mystik an einen verzauberten Märchenwald erinnern – bis hin zu einem auch von ihr neu an gelegten Feuchtbiotop mit Tümpeln aus Regenwasser, umgeben von alten Baumstämmen und Wurzeln. Eine Menge Totholz als Lebensgrundlage für eine große Artenvielfalt an Amphibien und Reptilien. Ein Hauch von Everglades im Münchner Süden. 

Wenn ich ein Hans-Peter wäre, würde das keinen interessieren, als Frau wird dir im Forstwesen einfach weniger zugetraut, man muss sich viel mehr behaupten.
Natalie Kolb

So hat Nathalie Kolb ein breites Spektrum an unterschiedlichen Aufgaben. Sie sorgt dafür, dass gesunde Bäume hochwachsen und lange leben, sie schlägt sich mit Schädlingen herum, mit Hirschen und Wildschweinen. Und oft auch mit Männern.

Herablassende Ratschläge

Auf nicht einmal 20 Prozent beziffert sie den Anteil von Frauen in ihrem Beruf. Das Forstwesen ist traditionsbehaftet eine Männerdomäne. Nein, ernsthafte Probleme habe sie noch nie gehabt, aber es gab schon einige dämliche Kommentare ihrer Kollegen. Am nervigsten, sagt Nathalie Kolb, sei auch das Phänomen des „Mansplaining“. Wenn ein Mann einer Frau ungefragt und herablassend Ratschläge erteilt, wie sie etwas richtig und doch viel besser machen könne. Das hat sie schon oft erlebt. Oder auch die Drückjagden, wenn sie manchmal als einzige Frau unter 30 Männern genau beobachtet würde, und mindestens drei, vier Kollegen schließlich das von ihr erlegte Wild begutachten, um zu sehen, wo das Tier getroffen wurde und ob es wirklich ein sauberer Schuss war. „Wenn ich ein Hans-Peter wäre, würde das keinen interessieren“, sagt Nathalie Kolb, „als Frau wird dir im Forstwesen einfach weniger zugetraut, man muss sich viel mehr behaupten.“ 

Ihre Mutter daheim in Berchtesgaden habe ihr schon attestiert, dass ihr Umgangston in den vergangenen drei Jahren rauer geworden sei. Was damit zu tun hat, dass sie sich in ihrem Beruf nicht alles gefallen lässt. Weil sie Resilienz aufgebaut hat, eine seelisch dicke Schutzschicht aus Bast und Borke wie ein gesunder Baum. Weil sie ihr Revier verteidigt. Ihren Traumberuf, sagt sie zum Abschied, hat sie in jedem Fall gefunden. Nathalie Kolb hat noch viel vor. Bäume pflanzen, den Wald erhalten, Biotope anlegen. Und natürlich möchte sie noch oft meditativ durch die Berge steigen. In der Dämmerung. Mit vielen Funklöchern.

Dieser Artikel ist zuerst in Character erschienen, dem Gesellschaftsmagazin der Bethmann Bank. Weitere Informationen zur aktuelen Ausgabe finden Sie auf unserer Webseite.

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