„Technik, die Lebensqualität schafft“
Induktive Höranlagen ermöglichen Menschen mit Hörhilfe eine barrierefreie Teilhabe. Beschallungsexperte Matthias Scheffe erklärt, wie die Technik funktioniert und wie sie für Inklusion sorgt.
Herr Scheffe, Sie statten Veranstaltungsräume mit induktiven Höranlagen aus. Wie funktioniert diese Technik?
Matthias Scheffe: Das Prinzip ist simpel - eine im Raum verlegte Schleife aus Kupferdraht, die Hörschleife, sendet ein magnetisches Feld aus, das Tonsignale transportiert. Hörgeräte können dieses Signal direkt empfangen. Das Besondere daran: Der Ton landet ohne Umwege im Hörgerät oder Cochlea-Implantat der Nutzerin oder des Nutzers. Das System ist bewährt und zuverlässig – für viele Menschen der einzige Weg, Veranstaltungen oder öffentliche Räume wirklich gleichberechtigt zu erleben.
Und wenn die Betroffenen erstmals eine funktionierende Höranlage nutzen, …
… ist das jedes Mal ein ganz besonderer Moment. Viele erzählen, dass sie zum ersten Mal seit Jahren wieder alles verstehen, statt nur etwas zu hören. Man unterschätzt als Normalhörender oft, was es bedeutet, nicht nur Töne, sondern auch Sprache und Inhalte wirklich zu begreifen. Der Aha-Moment „Ich kann plötzlich wieder teilnehmen“ – das ist echte Lebensqualität, die Technik schaffen kann.
Sind alle Hörgeräte und Cochlea-Implantate mit induktiven Anlagen kompatibel?
Fast alle, sofern sie mit einer Telefon-Spule, auch T-Spule genannt, ausgestattet sind. Diese kleine Kupferspule ermöglicht es, Tonsignale direkt über das Magnetfeld einer induktiven Höranlage oder eines Telefons in das Hörgerät zu übertragen. Dadurch werden Umgebungsgeräusche ausgeblendet und Sprache oder Musik kommen klar und ohne Nachhall direkt an.
Auf wie viele Geräte trifft das zu?
In etwa zwei Drittel der Hörgeräte ist eine T-Spule verbaut, in nahezu allen Cochlea-Implantaten gehört sie zum Standard. Ausnahmen gibt es bei sehr kleinen In-Ear-Geräten, da ist schlicht kein Platz für die T-Spule.
Was unterscheidet induktive Höranlagen von anderen Lösungen wie Funk- oder Infrarot-Übertragung?
Systeme wie Funk oder Infrarot erfordern oft spezielle Empfänger, die sie zum Beispiel an der Garderobe im Museum abholen müssen und die ihnen zunächst erklärt werden. Für viele Betroffene stellen diese Schritte bereits eine hohe Hürde dar und sie verzichten deshalb lieber auf das akustische Ereignis. Hinzu kommt, dass Funk oder Infrarot nicht immer störungsfrei funktionieren. Bei induktiven Höranlagen hingegen müssen sie keine zusätzlichen Geräte ausleihen. Die Betroffenen gehen einfach in den Raum, schalten ihr Hörgerät zum Beispiel über das Smartphone um und sind mitten im Hörgenuss. Ihre Hörhilfe bleibt unsichtbar. Das ist echte Inklusion.
Gibt es auch Nachteile bei den induktiven Systemen?
Selbstverständlich: Die Installation kann aufwendig sein, da das Kupferband korrosionsanfällig ist. Das ist nicht nur im Outdoor-Bereich eine Herausforderung, zum Beispiel auf Wiesen. Sogar Baufeuchtigkeit, also etwa frisch gegossener Beton, kann das Material angreifen. Daher schützen wir das Kupferband mit einer Epoxidharz-Schicht. Die ist allerdings ein zusätzlicher Kostenfaktor.
Was bedeutet das in Zahlen?
Nehmen wir als Beispiel einen Kinosaal: Im Idealfall können wir das Kupferband hier einfach unter dem Teppich verlegen und benötigen keinen Epoxidharz-Schutz. Dann können sich die Kosten zwischen 2.000 Euro und 4.000 Euro bewegen. Je nach Aufwand und Größe kann ein solches Projekt aber auch 20.000 Euro kosten.
Ihre Firma installiert seit Jahren induktive Höranlagen. An welche Projekte denken Sie besonders gern zurück?
Da fallen mir gleich mehrere Leuchtturmprojekte ein: In Düsseldorf haben wir kürzlich bei einem Campus-Neubau rund 100 Hörsäle mit induktiven Höranlagen ausgestattet, im Dom von Speyer das Hauptschiff abgedeckt und im Haus der Geschichte in Bonn einzelne Exponate so ausgestattet, dass Besucherinnen und Besucher die Erklärungen hören können.
Ob Neubau, historischer Dom oder älterer Bestandsbau – überall treffen Sie auf unterschiedliche bauliche Voraussetzungen. Welche räumlichen Bedingungen gelten für den Einbau einer induktiven Höranlage?
Bedingungen gibt es keine. Kompliziert wird es aber zum Beispiel, wenn Stahlbeton im Boden verbaut ist. Der dämpft das Magnetfeld stark ab. In solchen Fällen braucht es aufwendigere Systeme, sogenannte Phased-Array-Anlagen, bei denen mehrere Schleifen übereinandergelegt und phasenverschoben betrieben werden. Auch im Altbau ist die Nachrüstung knifflig, aber nicht unmöglich. In der Frankfurter Oper haben wir zum Beispiel nachträglich den Parkettboden aufgeschlitzt, um die Anlage zu verbauen. Im Neubau, zum Beispiel beim neuen Uni-Campus in Düsseldorf, ist die Höranlage bereits in der Planung berücksichtigt worden – das ist optimal.
Was sagen Sie zu den neueren Alternativen, die zum Beispiel mit Bluetooth oder WLAN arbeiten?
Diese Systeme holen auf. Neuere Standards wie Auracast, eine Erweiterung des Bluetooth-Protokolls, werden in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Sie ermöglichen Übertragungen direkt aufs Hörgerät. Betroffene können sie über ihr Smartphone wie mit einer Fernbedienung steuern. Aktuell existieren jedoch noch einige technische Hürden: Zeitverzögerungen bei der Übertragung oder die fehlende Kompatibilität älterer Mobilphone- und Hörgeräte. Die induktive Höranlage bleibt daher auf absehbare Zeit das geeignetste System für die breite Masse.
Wie sieht es mit Barrierefreiheit in Deutschland im internationalen Vergleich aus?
Rein formal stehen wir im internationalen Vergleich besser da als allgemein angenommen. Die DIN 18041 „Hörsamkeit“ und die DIN 18040-1 „Barrierefreies Bauen“ fordern explizit den Einbau induktiver Höranlagen im öffentlichen Raum. Und auch im Behindertengleichstellungsgesetz ist dieses Ziel verankert.
Also hakt es an der technischen Umsetzung?
Nein, aber selbst technisch ausgereifte Höranlagen allein bringen nichts, wenn Schwerhörige sie kaum nutzen. Viele Betroffene wissen oft gar nicht, dass ihr Gerät eine T-Spule hat und sie damit das Hörprogramm aktivieren können. Manchmal ist die Funktion am Gerät auch nicht aktiviert. Betroffene sollten ihre Hörakustikerin und Hörakustiker dann darum bitten, das entsprechende Programm einzurichten. Bei modernen Geräten geht das digital, bei älteren per Schalter. Viele öffentliche Räume senden längst – entscheidend ist, dass Hörgerätetragende ihr Gerät auf Empfang schalten und die Angebote tatsächlich nutzen.
Zur Person:
Matthias Scheffe hat Elektrotechnik studiert und sich dabei auf Nachrichtentechnik und Elektroakustik spezialisiert. Der Diplom-Ingenieur leitet er seit 35 Jahren seine Firma Ton & Technik Scheffe GmbH in Nümbrecht, die induktive Höranlagen verbaut. Der 55-Jährige engagiert sich ehrenamtlich im Fachausschuss Barrierefreiheit beim Deutschen Schwerhörigenbund e. V.
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