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(A)soziale Medien

Text von Christoph Koch
12.03.2026
Gesellschaft
Beispielbild einer Influencerin, die ein Bild an einem Spot erstellt | © Austin Neill, Unsplash

Bild: Austin Neill, Unsplash

Früher wurden soziale Medien dafür gefeiert, die Demokratie zu stärken und authentische Kommunikation zwischen echten Menschen zu ermöglichen. Heute gelten sie als Fake-News-Schleudern und verantwortlich für die Spaltung der Gesellschaft und fragwürdige Schönheitsideale.

Als Facebook und Twitter in den Nullerjahren populär wurden, traute ihnen niemand viel zu. Gelangweilte Teenager würden sich dort virtuell „anstupsen“, eitle Twens Fotos ihres Latte Macchiatos posten. Das änderte sich in den Jahren ab 2010, als Revolutionen in einigen arabischen Staaten dafür sorgten, dass die sozialen Medien plötzlich nicht mehr für westliches Frühstück, sondern für den Arabischen Frühling standen. Plötzlich wurde die aufklärerische Wirkung der Plattformen gepriesen. Sie hätten es der Opposition in autokratischen Regimen erlaubt, sich zu vernetzen und eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. 

Auch wirtschaftlich wurde Social Media immer wichtiger. Egal ob Schuhfirma oder Reiseveranstalter: Niemand wollte auf den vermeintlich kostenlosen Traffic von Facebook oder die Chance eines viralen YouTube-Videos verzichten. Vom Großkonzern bis zum Mittelständler begannen die Firmen, Social-Media-Teams einzustellen. Trotzdem haftete den sozialen Medien immer noch etwas Volksnahes und Authentisches an: Statt Werbebotschaften von Agenturen oder selektierten Nachrichten von abgehobenen Journalistinnen, so die Verheißung, dürfe hier jedermann und jedefrau auf Sendung gehen. 

43 Prozent der Abiturienten gaben an, sich eine Karriere als Influencerin oder Creator vorstellen zu können.

Heute ist Social Media allgegenwärtig: 67,8 Millionen Deutsche nutzen die sozialen Medien, das sind 81,4 Prozent der Bevölkerung. Durchschnittlich sind sie dabei auf 5,3 Plattformen aktiv. Welche das sind, ist je nach Alter unterschiedlich: Während Facebook inzwischen vor allem ein Ü35-Sammelbecken ist, zieht es die Jüngeren zu Instagram und TikTok. Vor allem Teenager und junge Erwachsene können sich ein Leben ohne soziale Medien kaum noch vorstellen: 91 Prozent dieser Zielgruppe nutzen sie mindestens einmal die Woche – wobei tägliche Nutzung der Standard sein dürfte, denn die Nutzungsdauer liegt bei zwei Stunden pro Tag. 

Kein Wunder, dass sie auch als Berufsfeld hoch im Kurs stehen: Bei einer Umfrage unter Abiturientinnen und Abiturienten gaben 43 Prozent an, sich eine Karriere als Influencerin oder Creator vorstellen zu können.

Kein Platz für sachliche Zwischentöne 

Doch das Image der sozialen Medien bekommt nach und nach einige empfindliche Macken. Statt als demokratisches Werkzeug, das allen Menschen eine Stimme gibt, gelten sie inzwischen als demokratiezersetzend. Desinformation und Hassrede machen dort die Runde. Statt sachlichem Austausch zwischen verschiedenen Interessengruppen würden sie die Spaltung der Gesellschaft vorantreiben, so ein zentraler Vorwurf. 

Das liegt weniger an bösem Willen als am Geschäftsmodell: Je mehr Nutzerinnen und Nutzer es gibt und je länger diese auf den jeweiligen Social-Media-Seiten verweilen, desto mehr Werbeeinnahmen können diese generieren. Deshalb ist es schon die Architektur von sozialen Netzwerken wie Facebook oder X, die emotionale und radikale Äußerungen gegenüber sachlich gemäßigten bevorzugt. „Aufgrund der ausschließlichen Finanzierung über Werbeeinahmen ist beispielsweise Facebook weniger daran interessiert, die Nutzer ausgewogen zu informieren, als vielmehr, sie möglichst lange auf der Seite zu halten“, sagt Axel Maireder, der das Social-Media-Forschungszentrum der GfK in Wien leitet. „Und dieses Engagement funktioniert nachgewiesenermaßen besser über In halte, die Emotionen ansprechen – selbst wenn es Wut ist. Oder über Dinge, die eins krasser sind als das, was ich sonst so zu sehen bekomme.“ 

Neben emotionalen Aufpeitschung sind auch handfeste Falschinformationen ein zunehmendes Problem der sozialen Medien.

Neben dieser emotionalen Aufpeitschung sind auch handfeste Falschinformationen ein zunehmendes Problem der sozialen Medien. Beliebte Themen: Migration, die Coronapandemie sowie erfundene Empfehlungen von Politikern oder Fernsehprominenz für Kryptowährungen. Auch hier gilt: Da erfundene Geschichten emotional stärker wirken als die oft unspektakuläre Wahrheit, verbreiten sich Fake News fast immer schneller und stärker als ihre Widerlegung oder sachliche Faktenchecks. In den USA haben Plattformen wie X, Instagram und Facebook ihr Fact-Checking Programm inzwischen sogar komplett eingestellt.

Beleidigungen und Hassrede nehmen in den sozialen Medien seit Jahren zu: So zeigte eine Studie der Universität Leipzig, dass der Anteil derjenigen, die von Hass rede im Internet betroffen sind, von 18 Prozent im Jahr 2020 binnen zwei Jahren auf 24 Prozent stieg. Bei Jugendlichen sind es noch mehr: 2024 gaben 57 Prozent an, innerhalb des Vormonats beleidigende Kommentare im Internet gesehen zu haben, 40 Prozent waren mit Hassbotschaften konfrontiert.

Unrealistische Schönheitsideale

Wurden soziale Medien anfangs noch dafür gepriesen, dass sie den gleichberechtigten Austausch unter ganz normalen Menschen erleichtern – daher auch der Name Social Media – trifft auch dies immer weniger zu. Früher wurden die Plattformen tatsächlich dazu genutzt, beispielsweise mit ehemaligen Mitschülerinnen in Kontakt zu bleiben oder als Mensch mit seltenen Hobbys Gleichgesinnte in aller Welt zu finden. Inzwischen wandelt sich Social Media jedoch immer mehr zu einem neuen Massenmedium, wo die meisten nur konsumieren, was einige wenige senden. So ist die Zahl der Menschen, die Social Media nutzen um „Kontakte zu knüpfen, Gleichgesinnte zu finden oder Meinungen zu teilen“ in den vergangenen zehn Jahren um 25 Prozent gesunken. 

Dafür nutzen immer mehr Menschen Social Media, um „Promis und Influencern zu folgen“. Doch gerade diese Influencerinnen und Influencer verbreiten oft gefährliche Schönheitsideale, die insbesondere für junge Frauen negative Folgen haben können. Plattformen wie Instagram und TikTok sind voll von perfekt inszenierten, häufig stark bearbeiteten Bildern, die ein unerreichbares Bild von Schönheit zeichnen. Die Folge: Über die Hälfte aller Jugendlichen möchte gerne etwas an ihrem Körper verändern. Mehr als ein Viertel hat sogar schon konkret über eine Schönheitsoperation nachgedacht. 

Die sozialen Medien haben rund 20 Jahre nach ihrem Entstehen viele Hoffnungen enttäuscht. 

Die allgegenwärtige Vergleichbarkeit führt dazu, dass etwa 90 Prozent der Befragten regelmäßig ihr Aussehen an digital gefilterten Vorbildern messen und viele dabei ein Gefühl der Unzulänglichkeit entwickeln. Dieser Druck setzt sich im Alltag fort: Studien aus Großbritannien und Deutschland belegen, dass ein enger Zusammenhang zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und psychischen Problemen wie Depressionen, Angststörungen oder Essstörungen besteht.

Sollte die Nutzung von Social Media für Kinder und Jugendliche reglementiert werden? In der Politik wird diese Forderung immer wieder erhoben; Bundesjustizministerin Stefanie Hubig plädiert sogar für ein Handyverbot an Schulen. Dann gebe es, glaubt die Ministerin, „weniger Mobbing, mehr Konzentration, sozialeres Miteinander“. Die Diskussion wird in Zukunft wohl an Fahrt aufnehmen. Eine gespaltene Gesellschaft; viral ver breitete Falschinformationen; psychische Schäden bei den oft jungen Nutzerinnen und Nutzern; zuletzt immer mehr „AI Slop“, also KI-generierte Schrott-Inhalte: Die sozialen Medien haben rund 20 Jahre nach ihrem Entstehen viele Hoffnungen enttäuscht. 

Umso interessanter die Nachricht, die im Herbst 2025 die Runde machte: Nach fast 20 Jahren kontinuierlichen Anstiegs scheinen die Social-Media-Nutzungszeiten erstmals zu sinken. Und das weltweit – bis auf die USA. 

 

Dieser Artikel ist zuerst in Character erschienen, dem Gesellschaftsmagazin der Bethmann Bank. Weitere Informationen zur aktuelen Ausgabe finden Sie auf unserer Webseite.

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