Eine Prinzessin als Vorbild
Bild: Stiftungsgründerin Hadumod Bußmann in ihrer Münchner Wohnung mit einem Porträft von Prinzessin Therese von Bayern
Therese von Bayern liebte das Abenteuer, auf waghalsigen Expeditionen bereiste sie ferne Länder und Kulturen. Seit drei Jahrzehnten fördert eine Münchner Stiftung in ihrem Namen Frauen in der Wissenschaft. Der Kampf um Gleichberechtigung in der Forschung ist noch lange nicht gewonnen.
Therese ist hier überall. Als kleines Kind etwa auf dem Familienfoto, im Wohnzimmer gleich links neben der Tür. Zu sehen ist sie dort mit ihrem Vater, Prinzregent Luitpold, mit Mutter Auguste, mit ihren drei Brüdern Leopold, Arnulf und Ludwig. Letzterer war später als Ludwig III. Bayerns letzter König. Prinzessin Therese von Bayern ist aber auch gegenwärtig in vielen Ordnern im Wand regal, mit Bildern, mit Briefen, mit Dokumenten, die Hadumod Bußmann in den vergangenen Jahrzehnten bei ihren Recherchen sammelte.
Therese ist überall im Leben von Bußmann, die nicht nur zahlreiche Bücher und Biografien über diese faszinierende Persönlichkeit schrieb – sondern die vor bald 30 Jahren an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) auch die Prinzessin Therese von Bayern-Stiftung gründete. Zur Unterstützung von Frauen in Studium, Forschung und Wissenschaft. Ein Besuch bei Hadumod Bußmann in München-Schwabing. Beim ersten Vorgespräch am Telefon bat sie um ein Treffen in ihrer Wohnung, sie klingt hellwach und klar, aber die Augen wollen nicht mehr so recht und auch die Beine nicht. Gut, im Juni wird sie auch schon 93. In den 1960er-Jahren kam Bußmann nach dem Studium in Germanistik und Romanistik aus Frankfurt nach München ans Institut für Philologie, sie promovierte und machte sich einen Namen als Linguistin. Ihr „Lexikon der Sprachwissenschaft“ von 1983 gilt noch heute als Standardwerk.
In den 1990er-Jahren wurde sie die zweite Frauenbeauftragte in der Geschichte der LMU. Sie engagierte sich für Gleichberechtigung, schrieb über Geschlechterdifferenz in den verschiedenen Sprachen der Welt – zu einer Zeit, in der Gendern noch ein Fremdwort war. Und sie machte aufmerksam auf sexuelle Belästigung an Hochschulen, etwa auf Anzüglichkeiten und Übergriffe von Dozenten gegen Studentinnen. Sie rief Betroffene auf, sich dagegen zu wehren und das Thema nicht weiter zu tabuisieren. Hadumod Bußmann war in diesem sehr von Männern dominierten Hochschulkosmos lästig und unbequem. Aber das passte ja ganz gut zu ihrem alt hochdeutschen Vornamen. Hadumod heißt so viel wie mutige Kämpferin. Eine, die nicht zurückschreckt, die sich etwas traut, die ausbricht und Widerstände überwindet. So wie schon Therese von Bayern.
Therese konnte es nicht abenteuerlich genug sein
Denn die Prinzessin, geboren 1850 in München, war eine außergewöhnliche Frau. Sie scherte sich nicht um Etikette, widersetzte sich den Bestrebungen ihres Vaters, tugendhaft eine standesgemäße Ehe einzugehen. Sie bereiste ferne Län der, nahm bei mühseligen Touren durch meterhohen Schnee am norwegischen Polarkreis ebenso heftige Strapazen auf sich wie bei haarsträubenden Expeditionen durch die Wildnis Nordamerikas oder den brasilianischen Regenwald. Moskitos und Malaria, Gelbfieber und Kannibalen: Therese konnte es gar nicht abenteuerlich genug sein. Im heutigen Sprech würde man sagen, Therese suchte die ultimative Challenge – und besaß eine krasse Resilienz.
Als Forscherin brachte sie von ihren Reisen viele botanische und ethnologische Objekte mit. Gewürdigt wurde ihre wissenschaftliche Arbeit 1897, als sie von der LMU als erste Frau überhaupt mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet wurde – sechs Jahre, bevor Prinzregent Luitpold als bayerischer Monarch auch Frauen das Recht auf Immatrikulation an den Hochschulen gewährte. Ob er diese Entscheidung auf Drängen seiner Tochter traf, kann Hadumod Bußmann nicht mit Gewissheit bestätigen. Geschadet hat Thereses Engagement der Sache sicher nicht. Denn Pionierarbeit für die Frauen in der Wissenschaft, sagt Biografin Bußmann, habe Therese in jedem Fall geleistet.
Noch in ihrer Zeit als Frauenbeauftragte rief Bußmann 1997, pünktlich zum 100. Jahrestag der Ehrendoktor-Verleihung, die Prinzessin Therese von Bayern-Stiftung ins Leben mit dem Ziel, Frauen in der Forschung etwa auf dem Weg zur Habilitation zu beraten und zu unterstützen sowie Projekte im Bereich der Gender Studies zu fördern und Wissenschaftlerinnen bei der mittlerweile alle zwei Jahre stattfindenden Vergabe des Stiftungspreises für herausragende Leistungen auszuzeichnen. 2025 waren es gleich sieben Forscherinnen, die sich über ein Preisgeld in Höhe von je 10.000 Euro freuen durften. Über die Vergabe entscheidet das fünfköpfige Kuratorium mit Margit Weber an der Spitze. 2006 übernahm sie das Amt der Universitäts-Frauenbeauftragten, mittlerweile ist sie an der LMU auch Vizepräsidentin für Chancengerechtigkeit, Talentförderung und Diversität. Das meiste Geld fließe von einigen wenigen Großspendern, sagt sie, gelegentlich auch von anderen Stiftungen, das können mal 10.000 Euro sein oder auch mal ein niedriger Sechssteller.
Die erste nach einer Frau benannte Professur
Geld, das sie gut gebrauchen können für die Sicherung der Preisverleihungen in den kommenden Jahren. Oder – wie vor fünf Jahren – mit Fördergeldern von 400.000 Euro für die Etablierung eines Lehrstuhls. 2021 übernahm der Lehrstuhl für Systematik, Biodiversität und Evolution der Pflanzen den Namen von Prinzessin Therese – und war damit in ganz Bayern die erste nach einer Frau benannte Professur. Gefördert werden mit den Geldern etwa bereits promovierte Forscherinnen bei ihrem nächsten Schritt zur Habilitation, oder auch Exkursionen für Studierende. Viel habe sich in den vergangenen Jahrzehnten in Sachen Gleichberechtigung zum Positiven entwickelt, erzählt Margit Weber in ihrem Büro. 1988 habe es an der LMU bei 50 Prozent Studentinnen ganze zwei Prozent an Lehrstuhlinhaberinnen und fünf Prozent Professorinnen gegeben, mittlerweile seien 60 Prozent der Studierenden weiblich, in Professuren betrüge der Frauenanteil immerhin 28 Prozent. Und auch die Stiftung sei inzwischen sicht- barer, so Weber.
Früher habe man sich bei den Preisverleihungen noch an andere Festivitäten dranhängen müssen, heute gibt es einen exklusiven feierlichen Rahmen in einem Uni-Hörsaal für die Geehrten, die gerne die ganze Familie mitbringen, von der Oma bis zum Kind, dazu Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fakultäten. Dass die Entwicklung positiv sei, das sieht auch Barbara Fruth so. Die Biologin und Anthropologin war 1997 die erste Preisträgerin der Therese von Bayern-Stiftung, heute arbeitet die Professorin in Konstanz als führende Wissenschaftlerin und Menschenaffen-Forscherin am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie. Fruths Spezialgebiet sind seit 1990 treffenderweise die Bonobos, die – anders als die aggressiven, macho-chauvinistisch geprägten Schimpansen – von Frauen dominiert werden, weshalb es dort in der Gesellschaft viel ausgeglichener und friedlicher zugeht. Die Welt wäre wohl eine bessere, wäre die Menschheit mehr Bonobo und weniger Schimpanse. Gerade bei der Vereinbarkeit zwischen Forschung und Familie, in der Doppelrolle als Berufstätige und Mutter, habe es große Fortschritte gegeben, sagt Fruth: „Früher war man als Frau mit kleinem Kind in der Wissenschaft auf sich allein gestellt. Heute ist es ganz selbstverständlich, dass junge Mütter ihre Kinder mit ins Seminar bringen und willkommen sind, an unserem Institut gibt es sogar ein eigenes Spielzimmer.“
Nach 20 Jahren endlich die Festanstellung
Der Weg für Frauen in der Forschung werde leichter, aber zu Ende ist der Weg noch lange nicht, sagt Barbara Fruth, die bis 2017 warten musste, 20 Jahre nach der Preisverleihung, bis sie endlich ihre erste Festanstellung bekam. Und die gab es auch nicht in Deutschland, sondern an der John Moores University Liverpool. Mit Widrigkeiten sähen sich in Studium und Forschung auch heute noch viele konfrontiert. Sie spricht von Frauen, die nach Abgängen in der Schwangerschaft oder gar Totgeburten im neunten Monat mit psychischen Folgen und Traumata zu kämpfen hätten. Ein Thema, das noch zu wenig präsent ist, weit unter dem Radar der Gesellschaft allgemein wie auch der Hochschul-Institutionen im Speziellen. In Gemeinschaften zu denken, Kohorten zu bilden, sich auch bei der Kinderbetreuung gegenseitig zu unterstützen, das sind Empfehlungen, die Barbara Fruth jungen Studentinnen mit auf den Weg geben möchte, um resilient zu bleiben. So wie es Therese war. Und so wie es Hadumod Bußmann noch immer ist, wenn sie sich weiterhin als Kuratoriumsmitglied ihrer Stiftung für Chancengleichheit und bessere Aufstiegschancen einsetzt, gegen Bevormundung und Diskriminierung von Frauen. Dass sie dies auch mit knapp 93 noch tut, dafür steht allein der Name.
Einmal Hadumod, immer mutige Kämpferin. Ein Leben lang.
Dieser Artikel ist zuerst in Character erschienen, dem Gesellschaftsmagazin der Bethmann Bank. Weitere Informationen zur aktuelen Ausgabe finden Sie auf unserer Webseite.
Früher wurden soziale Medien dafür gefeiert, die Demokratie zu stärken und authentische Kommunikation zwischen echten Menschen zu ermöglichen. Heute gelten sie als Fake-News-Schleudern und verantwortlich für die Spaltung der Gesellschaft und fragwürdige Schönheitsideale.
Julia Komp wusste schon früh, dass sie mit Geschmack Geschichten erzählen will. Mit viel Disziplin, Mut, Neugierde und Teamgeist hat sich die Kölner Sterneköchin einen Platz in der gehobenen Gastronomie erarbeitet. Dabei zeigt sie, dass Spitzenleistung nichts mit Geschlecht, wohl aber mit Haltung zu tun hat.
Tiefsee, tote Wale und eine bedrohte Fjordwelt – was nach Thriller klingt, war für die deutsch-chilenische Meeresbiologin Vreni Häussermann lange Alltag. Mehr als zwei Jahrzehnte erforschte sie die patagonischen Fjorde und dokumentierte, wie Klimawandel und menschliche Eingriffe die Unterwasserwelt verändern. Im Interview zum Weltfrauentag spricht sie über Widerstände in der Forschung – und darüber, wie wichtig es ist, auf die Zerstörung der Natur aufmerksam zu machen.
Weltweit gründen Frauen so viele Unternehmen wie nie zuvor. Dennoch fließt kaum zusätzliches Kapital in diese Unternehmen. Obwohl seit Jahrzehnten über Gleichberechtigung gesprochen wird, hat sich wenig getan: Frauen erhalten nach wie vor nur einen Bruchteil der verfügbaren Investitionsmittel und sind in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert.