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Werte im Wandel – Die coolen Konservativen

Text von Pascal Morché
14.03.2024
Gesellschaft

Für das Klima demonstrieren und mit 20 an die Rente denken? Für die „Generation Z“ ist das kein Widerspruch. Im Gegensatz zu ihren Eltern gehört das Festhalten an traditionellen Werten zur persönlichen Grundausstattung der Jungen. So mancher Boomer ist geschockt.

Wie konservativ tickt denn diese Jugend? Verwundert fragen sich das viele Vertreter einer Generation, die heute – im Alter zwischen 50 plus und kurz vorm Renteneintritt – auf ihre „Kinder“ blickt. Die Verwunderung dieser Elterngeneration mündet dann oft in der Feststellung: Ihr seid ja ganz anders als wir! So ganz anders als wir damals! Als wir nämlich in eurem Alter waren, da hatten wir Utopien, glaubten an Fortschritt, wir wollten die Welt verändern, demonstrierten gegen Atomraketen, probierten neue Lebensformen und Partnerschaften. Okay, vielleicht nicht ganz so wild wie die „68er“ vor uns, die den Aufbruch noch radikaler zelebrierten und sämtliche traditionellen Werte über den Haufen warfen. Jedenfalls: In unserer Jugend war man nicht konservativ, man war progressiv! Man war eben so ganz anders als ihr heute.

Stimmt: Heute – und das bestätigen zahlreiche soziologische Studien und Umfragen – ist die Jugend ihrem Leben und ihrer Zukunft gegenüber zumeist konservativ eingestellt. Es ist charakteristisch für die „Generation Z“, also für jene um die Jahrtausendwende Geborenen, dass sie sich an traditionellen Wertvorstellungen und Rollenverteilungen orientieren. So stellte schon die repräsentative 18. Shell Jugendstudie Ende 2019 fest, dass für die überwältigende Mehrheit der Jugendlichen gute Freunde und ein gutes Familienleben zu den wichtigsten Werten im Leben zählen. Gesundheit und Vereinbarkeit von Arbeit, Freizeit und Familie, also eine ausgeglichene Work-Life-Balance, ist fuhr die Jugend von heute erstrebenswert. Schließlich sieht man sich in einer festen Partnerschaft, also „verlobt oder verheiratet“, und möchte am liebsten mit Kindern und Haustieren im Eigenheim im Grünen leben. Es mag manch Älteren oftmals bieder, spießig, bestenfalls eben konservativ vorkommen: Hohe Zustimmungswerte notieren Statistiken und Studien für ein traditionell-bürgerliches Familienmodell, bei dem der Mann der Ernährer ist und die Frau zwar in Teilzeit arbeitet, sich aber primär um die Kinder kümmert. Was für ein Wertewandel, mögen da viele Eltern denken.

Der Elterngeneration geht es sehr gut. Und die Jungen merken, dass dies eine Lebensqualität mit Werten ist, die es zu bewahren gilt – zumal in Zeiten von Inflation, Krisen, Kriegen und gesellschaftlicher Instabilität. Junge Menschen sind sich heute der Fragilität dieser Welt bewusster, als ihre Eltern es damals waren – und sein konnten.

Die Alten als Vorbild?

Auch Soziologen, meist selbst noch geprägt von der Progressivität und dem gesellschaftlichen Schwung eines längst vergangenen Jahrhunderts, wundern sich: Nicht „Selbstentfaltung“ wie früher, sondern „Selbsterhaltung“ steht heute für die jungen Leute im Zentrum ihrer Träume und Wünsche. Statt haltlosem Individualismus, dem sich noch die Eltern in ihrer Jugend hingaben, denkt die junge Generation heute in „Gemeinschaftskategorien“. Dass sogar 30-Jährige eher konservativ denken und leben, hat seinen Grund: Mit dem Smartphone aufgewachsen, ist die Generation Z immer online und durch Internet und soziale Netzwerke einer permanenten Informationsflut ausgesetzt. Israel und Ukraine sind für sie heute näher, als es Vietnam für ihre Eltern jemals war. Verständlich, dass man in dieser großen brüchigen Welt die eigene kleine heile Welt sucht. Dass man dafür etwas tun und leisten muss, ist jungen Leuten durchaus klar. Ausbildung und Erziehung sind deshalb bei ihnen heute insgesamt viel ökonomischer ausgerichtet. Denn noch etwas unterscheidet die Jugendlichen von heute deutlich von ihren Eltern „damals“: Sie kennen sich mit Finanzen aus! Im November 2022 kam die Studie „Jugend in Deutschland“ zu dem Ergebnis, dass junge Menschen heute über Vermögenswerte und Anlagemöglichkeiten viel mehr und besser Bescheid wissen als ihre Elterngeneration. Im gleichen Alter, als diese von einer besseren Welt träumte, denkt man heute schon im zweiten Lebensjahrzehnt über Wertpapiere und ETFs nach.

Die alten Begriffe passen nicht mehr

So verwundert es nicht, dass die Generation Z inzwischen mehr persönlichen Ehrgeiz entwickelt, als es ihre Eltern „damals“ taten. Außerdem ist diese Generation im Bewusstsein aufgewachsen und erzogen worden, dass man ein Ziel haben sollte, für das man den passenden Lebenslauf braucht. In der Tat: Viele junge Menschen aus gutbürgerlichen Verhältnissen sind heute deutlich zielorientierter, als ihre Eltern es in ihrem Alter waren. Wobei es ja nicht schlecht ist, mit zwanzig einen Bausparvertrag abzuschließen und mit dreißig an die Altersversorgung zu denken. Eine dauerhafte Beziehung anzustreben, statt wie einst (progressiv?) die 68er zu skandieren: „Wer zweimal mit demselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ 

„Progressiv“ will verändern und „konservativ“ will bewahren. So weit, so klar und doch: Die alten Begriffe, sie sind nichtmehr griffig. Progressiv muss nicht das Gegenteil von konservativ sein. Denn
konservativ bedeutet keineswegs, dass man Neues, Modernes, Innovatives ablehnt. Das nämlich wäre Torheit. Vielleicht gilt also tatsächlich das Bonmot, dass der Konservative an der Spitze des Fortschritts steht. Die Politisierung der heutigen Jugend scheint es jedenfalls zu bestätigen. Wer mit zwanzig Jahren an die Rente denkt, kann trotzdem (oder gerade deswegen) zur Fridays-for-Future Demo gehen! Diese Generation ist politisch aktiv, digital, liberal – aber eben auch überraschend konservativ in der persönlichen Lebensplanung. Verständlich: Wohlstand bei weltweit nachhaltiger Lebensweise, das Respektieren der ökologischen Grenzen unserer Erde, das Bekämpfen des Klimawandels, das alles sind absolut konservative Aufgaben. Konservativ zu sein (von lat. conservare = bewahren, erhalten) ist also nichts Negatives – und das Bewahren und Erhalten unseres Planeten somit wahrscheinlich das Konservativste, für das man sich einsetzen kann und sollte.


Dieser Artikel ist zuerst in 
Character erschienen, dem Gesellschaftsmagazin der Bethmann Bank. Weitere Informationen zur aktuelen Ausgabe finden Sie auf unserer Webseite.

Vorsicht vor den ewig Morgigen!

Panta rhei – „alles fließt“, hat Heraklit gesagt. Nichts ist beständiger als der Wandel und demnach auch der Wandel der Werte.  Konservative möchten ihn eher verlangsamen und in Ruhe das Bewährte sichern. Progressiven geht der Wandel oftmals nicht schnell genug, weil sie mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden sind. Aber differenzieren wir doch besser: Konservativ zu sein bedeutet nicht unbedingt, dass man den Blick stets zurückwendet und zu den ewig Gestrigen und Reaktionären gehört. Und die Fortschrittsgläubigkeit von ewig Morgigen (so es diesen Begriff gäbe) ist eben auch mit Vorsicht zu genießen: Progressive glauben gern, im Besitz der Wahrheit zu sein, und fallen auf die Versuchung rein, die Menschen zu ihrem Glück zwingen zu wollen.

Die Werte wandeln sich – heute schneller denn je. Wichtig ist darum, die wahren Leitbilder der Konservativen und jene der Progressiven zu erkennen und zu leben. Oldschool und Tradition kann oftmals nicht schaden und Fortschritt lässt sich ohnehin nicht aufhalten. Vielleicht haben viele Jugendliche darum auch solche Freude an alten Klingeltönen auf ihren Smartphones? Coole Hightech nach außen – und innen drin wohnt ganz konservativ das warme Gefühl der Beständigkeit.

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