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Wenn der Bischof Fahrrad fährt

Text von Maria Kessen
22.06.2023
Gesellschaft

In der westfälischen Stadt Münster ist Fahrradfahren viel populärer als in vergleichbaren deutschen Städten. Rund 43 Prozent aller Wege werden dort mit dem Rad zurückgelegt. Auf die rund 314.000 Einwohner kommen mehr als 500.000 Fahrräder. Peter Wolter vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) in Münster erklärt, warum Münsteraner lieben, was anderswo als zweitklassiges Fortbewegungsmittel für Studierende und Ökos gilt.

Herr Wolter, warum fahren viele Menschen in Ihrer Stadt mit dem Fahrrad, obwohl sie auch Auto fahren könnten?

Kaum eine andere Stadt in Deutschland hat ein so gut ausgebautes Radwegenetz wie Münster. Wenn man alle Strecken zusammenrechnet, kommen wir in Münster auf 400 Kilometer. Wir haben zum Beispiel einen breiten Fahrradweg, der rund um die Altstadt führt. Auch sonst ist die Infrastruktur für Radfahrer gut. In der Innenstadt gibt es drei Fahrradstationen zum geschützten Abstellen von Fahrrädern. Die Radstation am Hauptbahnhof ist mit über 3.000 Stellplätzen die größte in Deutschland – quasi ein Parkhaus für Fahrräder. Daran angeschlossen gibt es einen Werkstatt-Service und einen Fahrradverleih.

Viele Menschen halten Fahrradfahren für gefährlich, anstrengend und wenig komfortabel. Ist das in Münster anders?

In Münster ist das Fahrrad das Verkehrsmittel der Wahl, das geht quer durch alle Altersschichten. Die Münsteraner legen fast 43 Prozent aller Wege mit dem Fahrrad zurück, damit liegen wir bundesweit an der Spitze. Auch beim Fahrradklimatest, den der ADFC jährlich durchführt, schneidet Münster gut ab. Dieser Test erhebt die Zufriedenheit von Radfahrern in Städten und Gemeinden. Im Jahr 2020 belegte die Stadt Münster einen der ersten Plätze.

Und welche Gründe hat das? Die gut ausgebauten Radwege allein können es nicht sein.

In Münster hat das Fahrrad schon lange einen hohen Stellenwert, es ist kein Arme-Leute-Vehikel. Egal ob Bischof oder Bankdirektor – in Münster steigen alle auf die Leeze, das ist der lokale Begriff fürs Fahrrad. Auch unser Oberbürgermeister radelt zum Büro. Seit zwölf Jahren ist er außerdem Mitglied in unserem Verein. Und sein Vorgänger hatte noch nicht mal einen Führerschein.

Liegt die Popularität auch daran, dass das Radfahren in Münster besonders gefördert wird, etwa durch die örtliche Verkehrsplanung?

Ja, in der Vergangenheit war Münster anderen Städten oft voraus, wenn es um innovative Verkehrsregelungen ging. Seit den 1990er-Jahren gibt es bei uns zum Beispiel Einbahnstraßen, in denen Radfahrer in die Gegenrichtung fahren dürfen. Bereits vor vielen Jahren hat Münster Fahrradschleusen vor Ampeln eingerichtet. Das sind Fahrrad-Haltebereiche vor den wartenden Autos. Diese Schleusen haben den Vorteil, dass Radfahrer im Blickfeld der Autofahrer sind und weniger Abgase einatmen müssen. Wenn die Ampel auf Grün schaltet, können die Radfahrer zuerst fahren. An einigen Stellen in der Stadt gibt es für Radfahrer eine eigene Signalisierung. Zudem gibt es Verkehrsampeln mit einem Schild „Radfahrer frei“. Dort gelten die Ampeln nur für Autofahrer, Radfahrer dürfen an der roten Ampel vorbeifahren. Mit diesen Regelungen war Münster Vorbild für andere Städte, die einiges davon übernommen haben.

Viele Radfahrer beklagen sich über mangelhafte Radwege. Wie ist das in Münster?

Auch in Münster sehe ich persönlich Handlungsbedarf. Hier gibt es nämlich hauptsächlich sogenannte Hochbordradwege, also Radwege auf dem Bürgersteig. Das liegt auch daran, dass die Wege vor vielen Jahrzehnten angelegt wurden. Diese Bauweise hat aber mehrere Nachteile: Zum einen gibt es Konflikte mit Fußgängern. Zum anderen wird Radfahren durch die notwendigen Absenkungen beispielsweise an Straßenkreuzungen zur holprigen Berg- und Talfahrt. Schlimmstenfalls wird ein Radfahrender durch einen abbiegenden Autofahrer übersehen. Deswegen fordern wir vom ADFC, Radspuren vermehrt auf der Fahrbahn einzurichten. Dann können unsichere und ältere Radfahrer weiter auf dem Hochbordradweg fahren, aber alle anderen fahren auf dem ausgewiesenen Fahrradstreifen auf der Fahrbahn.

Viele Autofahrer mögen es nicht, wenn in einer Stadt viele Fahrräder unterwegs sind. Wie funktioniert das Miteinander in Münster?

Autofahrer sind hier weniger aggressiv als anderswo, weil sie an die vielen Radfahrer gewöhnt sind. Mein Eindruck ist, dass sich Münsteraner Autofahrer an die Radfahrer angepasst haben. In Münster wird weniger gehupt und gebrüllt als in anderen Städten. Wenn es zu Unfällen kommt, dann meistens mit auswärtigen Autofahrern oder LKW-Fahrern.

Wie geht die Stadt mit Falschparkern um?

Schlecht. Das kritisieren wir vom ADFC laufend. Das Parken auf Fuß- und Radwegen wird hier weitgehend toleriert. In der Altstadt gibt es Bereiche, wo Fußgänger wegen der parkenden PKWs kaum noch Platz haben. Sogar der Domplatz ist für Autos befahrbar. Selbst wenn dort der Markt stattfindet, fahren Autos dort. Wir hoffen, dass die Stadt Münster bald die Kurve kriegt und das Stadtzentrum zur autofreien Zone macht. Oder zumindest das Parken flächendeckend gebührenpflichtig macht wie in Wien, wo es seit kurzem im gesamten Stadtgebiet kostenpflichtig ist.

Viele Städte haben das Ziel formuliert, fahrradfreundlicher zu werden. Wie hat sich Münster zur Fahrradstadt entwickelt?

Ich sage immer: Das ist zu einem großen Teil dem westfälischen Dickschädel geschuldet. Nach der Einführung der Reichsstraßenverkehrsordnung im Jahr 1934 sollte das Fahrrad komplett aus dem Straßenverkehr verbannt werden. Die Nationalsozialisten wollten dem Auto Vorrang geben. Die Münsteraner kümmerten sich aber nicht darum. Sie stiegen weiterhin aufs Rad – zu hunderttausenden haben sie es bereits damals gemacht. Um die Verkehrsmittel zu trennen, baute die Stadt Münster in den 1960er-Jahren viele Fahrradwege, davon einen großen Teil als Hochbordradweg. Ein weiterer Grund für die Entwicklung zur Fahrradstadt ist die Universität mit ihren 65.000 Studenten. Viele Studenten haben nicht das Geld für ein Auto. Und mit dem Rad sind sie sowieso schneller an der Mensa als mit dem Bus oder dem Auto.

Mit welchem Fahrrad sind Sie unterwegs?

Ich fahre ein 20-Zoll-Elektro-Faltrad. Das lässt sich in 15 Sekunden zusammenbauen. Es ist wunderbar bequem, man kann es überall in Bus und Bahn kostenlos mitnehmen. Damit fahre ich auch lange Strecken: Im September bin ich mehr als 1.300 Kilometer von Münster bis nach Venedig geradelt. Den 1.520 Meter hohen Reschenpass in den Alpen habe ich mühelos mit dem Fahrrad bewältigt.

Und welche sind Ihre liebsten Fahrradrouten in Münster?

Ein absolutes Highlight in Münster ist die Promenade, ein vier Meter breiter autofreier Ring, der rund um die gesamte Innenstadt führt. Hier haben Radler freie Fahrt. Von der Promenade aus kann ich jeden Punkt in den angrenzenden Stadtbezirken und in der Innenstadt mit dem Fahrrad erreichen. Die Promenade ist nicht nur die schnellste Verbindung innerhalb der Stadt, sie ist auch eine echte Augenweide, mit einer wunderschönen Baumallee, die fast den gesamten Weg säumt. Mitten in Münster ist man von Natur umgeben – für viele Radfahrer ein willkommenes Stück Erholung auf dem Heimweg von der Arbeit oder vom Einkaufen.

400 Kilometer
Gesamt-Länge der Radwege in Münster
Quelle: ADFC Münster

mehr als 500.0000
Anzahl der Fahrräder in Münster (zum Vergleich: 314.000 Einwohner)
Quelle: Stadt Münster

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