„Wir haben das Flugzeug mit Zahnbürsten vom Eis befreit“
Tiefsee, tote Wale und eine bedrohte Fjordwelt – was nach Thriller klingt, war für die deutsch-chilenische Meeresbiologin Vreni Häussermann lange Alltag. Mehr als zwei Jahrzehnte erforschte sie die patagonischen Fjorde und dokumentierte, wie Klimawandel und menschliche Eingriffe die Unterwasserwelt verändern. Im Interview zum Weltfrauentag spricht sie über Widerstände in der Forschung – und darüber, wie wichtig es ist, auf die Zerstörung der Natur aufmerksam zu machen.
Te:nor: Frau Häussermann, wann haben Sie gemerkt, dass Sie Ihr Leben der Wissenschaft widmen wollen?
Vreni Häussermann: Schon im Biologiestudium. Mich hat die Neugier angetrieben. Ich wollte immer Neues entdecken, Expeditionen machen und dorthin gehen, wo noch niemand war. Vor mehr als zwanzig Jahren bin ich gemeinsam mit meinem Mann und Forschungspartner Günter Försterra nach Patagonien gereist. Wir wollten Seeanemonen untersuchen – dazu fuhren wir mit dem Auto die gesamte Küste entlang, schliefen im Zelt und tauchten alle paar hundert Kilometer. Auf dieser kleinen Expedition stießen wir zufällig auf Kaltwasserkorallen, von denen niemand wusste, dass sie existieren. Wir haben sie erforscht.
War das der Grund für Ihre Entscheidung, dauerhaft in Chile zu bleiben – unentdeckte Kaltwasserkorallen?
Nicht der einzige. Vor allem habe ich gesehen, wie empfindlich dieses Ökosystem ist und wie schnell es sich verändert. Die Fischzucht, Verschmutzung und die steigenden Temperaturen hinterlassen deutliche Spuren. Gleichzeitig ist die Natur dort atemberaubend schön. Ich wollte verstehen, was genau passiert, und die Veränderungen dokumentieren. Nur was wir kennen, können wir schützen.
2003 haben Sie gemeinsam mit einem kleinen Team das Huinay-Forschungszentrum an einem abgelegenen Ort im Comau-Fjord im chilenischen Patagonien aufgebaut und waren 18 Jahre lang Leiterin des Forschungszentrums. Wie sah Ihre Arbeit auf der Station aus?
Als Leiterin der Station habe ich die wissenschaftliche Arbeit vor Ort koordiniert. Ich habe mich um alles gekümmert, was nötig war, damit Forschung überhaupt möglich ist: Fördergelder beantragt, Infrastruktur aufgebaut, Geräte angeschafft und Expeditionen organisiert. Wir haben eng mit internationalen Institutionen zusammengearbeitet, unter anderem mit dem Alfred-Wegener-Institut. Auf Basis unserer Forschungen sind fast 200 wissenschaftliche Artikel, Studien und zahlreiche Vorträge für internationale Konferenzen entstanden.
Wie haben Sie die Situation für Frauen in der chilenischen Wissenschaft erlebt?
Im akademischen Umfeld ist es in Chile oft sogar leichter für Frauen als in Deutschland. In Deutschland gilt das Habilitationssystem noch immer als große Hürde, besonders für Frauen mit Familienplänen. In Chile hingegen arbeiten meist beide Partner, Kinder kommen schon früh ganztags in die Betreuung – dadurch arbeiten viele Frauen an den Universitäten. Die höheren Positionen sind aber nach wie vor häufiger mit Männern besetzt. Schwieriger als die Arbeit in der Wissenschaft war der Kontakt mit den Fischern am Fjord. Die haben mich als Frau nicht ernst genommen. Aber ich habe es nicht als meine Aufgabe betrachtet, jemandem Respekt beizubringen. Ich habe einfach männliche Kollegen mit ihnen sprechen lassen.
Gibt es eine Expedition, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ein unvergessliches – und beinahe apokalyptisches – Erlebnis hatte ich 2015, als wir im Golfo de Penas Dutzende tote Wale fanden. Wir wollten eigentlich tauchen, stießen dann aber zufällig auf die Kadaver. Ohne unsere Expedition hätte das niemand bemerkt, denn wegen der extremen Wetterbedingungen und der meterhohen Wellen fährt kaum jemand in diese Region. Ich habe den Fund sofort an Kolleginnen und Kollegen aus der Walforschung gemeldet, um herauszufinden, was passiert sein könnte. Doch die Reaktionen waren ernüchternd: Einige winkten direkt ab, andere meinten, es sei sicher nichts Relevantes – niemand wollte Verantwortung übernehmen. Gemeinsam mit einer anderen Wissenschaftlerin und einer Studentin beschloss ich schließlich, selbst nachzuforschen.
Zwei Wissenschaftlerinnen, eine Studentin – also ein reines Frauenteam?
Ja, es war wohl kein Zufall, dass wir drei Frauen waren: Wir wollten Antworten, aufgeben kam für keine von uns infrage. Mit Unterstützung des Waitt Grants Program der National Geographic Society konnten wir ein kleines Flugzeug chartern, um das abgelegene Gebiet abzufliegen. Die Bedingungen waren extrem: Schnee, Sturm, Turbulenzen und schlechte Sicht. Wir mussten erstmal das Flugzeug von Eis befreien – mit Zahnbürsten. Zweien von uns wurde im Flugzeug so übel, dass sie sich übergeben mussten. Wir haben trotzdem weitergearbeitet: gezählt, fotografiert, GPS-Daten erfasst. Am Ende zählten wir 365 tote Sei-Wale, eine kaum erforschte Art.
Was war die Ursache für das Massensterben?
Vermutlich eine giftige Algenblüte, ausgelöst durch El Niño. Dieses Klimaphänomen sorgt für warme, nährstoffreiche Gewässer. Das sind ideale Bedingungen für toxische Algen. Das Monitoring bestätigte später erhöhte Giftkonzentrationen in den Magenproben der Tiere.
Was passierte, als Sie den Fund veröffentlichten?
Die internationale Aufmerksamkeit war groß. Einige Kollegen aus der Walforschung waren über unsere Veröffentlichung aber alles andere als begeistert und reagierten mit teils heftiger Kritik. Es waren dieselben Leute, die vorher kein Interesse gezeigt hatten, als ich den Fund gemeldet hatte. Das auszuhalten war schwierig. Aber für mich war das Wichtigste, dass ans Licht kam, wie groß die Umweltauswirkungen hier sind. Und so tragisch der Fund auch war, er hat zumindest die Forschung vorangebracht: Eine der Kolleginnen konnte an den Barten der gestrandeten Wale ablesen, wann Weibchen trächtig waren, was sie gefressen haben und wie alt sie werden – das waren bis dahin völlig unbekannte Einblicke in das Leben dieser seltenen Walart.
Wie steht es heute um die Fjorde Patagoniens?
Giftige Algenblüten nehmen seit Jahren zu, der Sauerstoffgehalt im Meerwasser sinkt, Arten sterben. In einigen Gebieten sind die Bestände mancher Arten um bis zu 75 Prozent zurückgegangen. Die Lachszuchtindustrie spielt dabei eine zentrale Rolle: Sie ist wirtschaftlich mächtig, politisch gut vernetzt – und viele Forschende sind finanziell von ihr abhängig. Gerade deshalb braucht es Menschen, die Missstände offen ansprechen, auch wenn das unbequem ist. Es braucht mehr Mittel für unabhängige Forschung, mehr politischen Willen zum Naturschutz und ein stärkeres Bewusstsein in der Gesellschaft für den Wert dieser einzigartigen Ökosysteme. Mein Ziel ist es, sichtbar zu machen, was hier eigentlich geschieht – und wie tiefgreifend menschliche Eingriffe die Natur bereits verändert haben.
Zur Person: Vreni Häussermann promovierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von 2003 bis 2020 leitete sie die Huinay Scientific Field Station, veröffentlichte mehr als 110 wissenschaftliche Artikel, 18 Buchkapitel und drei Bücher. Sie hat zahlreiche wissenschaftliche Projekte durchgeführt, um den Naturschutz im chilenischen Patagonien zu fördern. Für ihre Arbeit wurde sie mit dem zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der PEW Marine Fellowship, Rolex Award for Enterprise und Friedrich-Wilhelm-Bessel-Preis. Zuletzt war sie als Forscherin an der Universidad San Sebastián beschäftigt.
Das Interview führte Sina Hoffmann (Stipendiatin der Heinz-Kühn-Stiftung)
100.000 Kilometer
Küstenlinie hat das Fjordsystem im Süden Chiles – also fast den doppelten Erdumfang.
Quelle: Rolex Award
18 Megatonnen
organischer Kohlenstoff werden jährlich in Fjorden eingelagert.
Quelle: Nature Geoscience
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