Zum Seiteninhalt springen Zur Fußzeile springen

„Die Raumfahrt ist im Aufbruch“

Text von Mia Pankoke
30.05.2022
Gesellschaft

Suzanna Randall ist Astrophysikerin und möchte die erste deutsche Frau sein, die ins All fliegt. Hier spricht sie über das Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeit und wissenschaftlichen Erkenntnissen, über die Kommerzialisierung der Raumfahrt und wieso weibliche Vorbilder so wichtig sind.

Frau Randall, was fasziniert Sie so sehr am Weltraum?

Alles, was anders ist, beeindruckt mich – und der Weltraum hat mit dem Leben auf der Erde nichts zu tun. Alles geschieht in unvorstellbaren Dimensionen. Allein, dass wir zum nächsten Stern 77.000 Jahre unterwegs wären! Dieses Ungreifbare, das so viel größer ist als die Menschheit, begeistert mich schon mein Leben lang. 

Sie wollen im Jahr 2023 ins Weltall fliegen. Wie stellen Sie es sich dort oben vor?

Ich habe dank vieler intensiver Trainings schon ein gutes Gefühl dafür, wie sich Schwerelosigkeit und ein Raketenstart anfühlen werden. Am Ende wird es aber wohl nie so, wie es beim Training hier auf der Erde ist. Am allermeisten freue ich mich auf das Gefühl, zu schweben und auf die Erde zu blicken.

Dieser erste Blick vom Weltraum aus auf die Erde verändert auch die Perspektive, mit der man auf den Planeten und auf die darauf lebenden Menschen schaut. Gucken Sie bereits heute mit anderen Augen auf die Welt?

Dieser sogenannte Overview-Effekt lässt sich nicht vorwegnehmen. Was sich aber bereits verändert hat, ist mein Blick auf unsere Gesellschaft: Ich durfte durch meine Auftritte in den Medien und die damit verbundene Öffentlichkeit Erfahrungen machen, die ich sonst in meinem Forscherinnen-Leben sicher nicht gemacht hätte. Daher hat die Zeit vorab schon meine Sicht auf die Erde beeinflusst – selbst dann, wenn die gesamte Mission scheitert und ich nicht ins All komme.

Die Raumfahrt wird dafür kritisiert, dass sie wenig nachhaltig sei. Vor allem den privatwirtschaftlichen Missionen wird vorgeworfen, es ginge ihnen weniger um Forschung als um privates Vergnügen weniger Reicher.

Das ist ein sehr schwieriges Thema, gerade wenn es um Raumfahrtmissionen geht, in denen sehr reiche Menschen einmal in die Schwerelosigkeit geschossen werden und dann nach wenigen Minuten wieder herunterkommen. Ich sehe das aber differenzierter: Ja, natürlich ist es sozial-gesellschaftlich unfair, dass sich nur die Superreichen so etwas leisten können. Momentan sind es aber oft kommerzielle Unternehmen, die durch ihre Forschung die Raumfahrt voranbringen.

Wie das?

Effizienter bedeutet auch nachhaltiger und, anders als staatliche Agenturen, haben private Unternehmen ein Interesse daran, so effizient wie möglich zu operieren. Die Raketen von Elon Musks Unternehmen SpaceX sind zum Beispiel wiederverwendbar und landen nicht nach einem Flug als Schrott im Meer. Jeff Bezos Firma Blue Origin setzt bei seinem Raketentreibstoff auf Wasserstoff und Sauerstoff. Am Ende sind ihre Innovationen gut für alle – für die staatliche und für die private Raumfahrt.

Aber was ist mit dem Klimaaspekt? Die "Inspiration 4"-Mission von SpaceX, die von einem Multimilliardär für vier Personen gechartert wurde, emittierte beim Start laut Berechnungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt 380 Tonnen CO2. Zum Vergleich: Ein Transatlantikflug schlägt mit drei Tonnen pro Passagier zu Buche. Jeder der Weltraumreisenden hätte also 30-mal von Frankfurt nach New York fliegen können. Sollten wir das für den Raumfahrttourismus in Kauf nehmen?

Man muss solche Zahlen in Relation setzen. Dieser Vergleich mit den 30 Transatlantikflügen klingt dramatisch. Doch in eine Raumkapsel passen derzeit vier Personen, in ein Flugzeug um die 300. Die Werte sind jeweils pro Person berechnet. Würden in dem Flugzeug auch nur vier Personen sitzen, wäre die Bilanz ausgeglichen. Nicht auf die Personen gerechnet, entspricht der Start dann etwa einem Transatlantikflug.

Dennoch muss die Raumfahrt nachhaltiger werden, oder?

Wenn sie weiter wächst, auf jeden Fall. In die Berechnung sollte aber auch einbezogen werden, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse die Raumfahrt erbringt. SpaceX zum Beispiel schickt momentan vor allem Satelliten los. Astronautische Flüge sind die absolute Ausnahme und die von Satelliten gesammelten Daten tragen aktiv zur Bekämpfung des Klimawandels bei. Sie ermöglichen etwa die genaue Analyse von Gletschern und Eiskappen sowie eine möglichst effiziente Schifffahrt. Sie helfen bei der Bekämpfung von Waldbränden und sind Grundlage von Untersuchungen zu Klimaveränderungen. Solche Vorteile sollten neben den produzierten Emissionen in die Umweltbilanz einbezogen werden.

Themenwechsel: Stand heute, waren bereits dreizehn Männer aus Deutschland im All, jedoch keine einzige Frau. Das will die private Initiative “Die Astronautin” ändern und ermöglicht Ihnen sowie Ihrer Kollegin Insa Thiele-Eich eine Ausbildung zur Astronautin. War Gleichberechtigung schon immer wichtig für Sie?

Feminismus war mir schon als kleines Mädchen ein Anliegen. Wenn mir jemand gesagt hat, “das geht so nicht” oder “das kannst du nicht”, wollte ich immer das Gegenteil beweisen. Während meines Physikstudiums fühlte es sich für mich so an, als hätten wir die Gleichberechtigung schon erreicht. Erst, seit ich so stark in der Öffentlichkeit stehe und bei „Die Astronautin“ dabei bin, merke ich, wie falsch ich damit lag. Vor allem bin ich schockiert, wie veraltet das Frauenbild in Deutschland noch ist und wie wenig mir das vorher bewusst war.

Gleichberechtigung definieren Sie aber nicht nur über die Zahl der Astronautinnen …

Nein, die Initiative will zum Beispiel auch die medizinische Forschung am weiblichen Körper im All voranbringen. Bisher profitieren vor allem Männer von den Erkenntnissen, die im All gewonnen werden. Außerdem hat „Die Astronautin“ eine große Vorbildfunktion. Wer immer nur weiße, stereotype Männer sieht, die Physik erklären oder ins All fliegen, denkt natürlich, das sei nur etwas für diesen Typ Mensch. Deshalb spreche ich zum Beispiel auf einem ZDF-YouTube-Kanal über wissenschaftliche Themen und habe immer wieder Auftritte beim TV-Sender KiKa. Ich zeige, dass auch Frauen über den Weltraum forschen.

„Die Astronautin“ hat sich auch zum Ziel gesetzt, die Mission so nachhaltig wie möglich zu gestalten.

Ja, wir setzen zum Beispiel auf eine rein pflanzliche Ernährung an Bord. Das ist übrigens einfacher als viele denken. Es gibt im All sogar Gewächshäuser, in denen frischer Salat wächst. Außerdem wollen wir bei unserer Mission klimaneutral starten, indem wir den CO2-Austoß kompensieren. Dafür haben wir eine Partnerschaft mit einer Organisation, die Bäume zum Ausgleich pflanzt.

Die Initiative finanziert ihr Training über öffentliche Auftritte und Spenden. Weshalb dieser kommerzielle Ansatz?

Die Raumfahrt ist im Aufbruch, ob Deutschland mitmacht oder nicht. In den USA ist jetzt gerade die erste kommerzielle Mission von SpaceX zur Internationalen Raumstation ISS geflogen. Das zeigt, wie erfolgreich private Missionen sein können und auch, dass sie die etablierten Raumfahrtbehörden zunehmend ergänzen. Die Welt wird in vielen Bereichen immer kommerzieller. Deutschland sollte mehr Innovationsbereitschaft mitbringen, denn wer diesen Umbruch verschläft, steht am Ende als Verlierer dar.

Ähnliche Artikel