„Frau muss nicht perfekt vorbereitet sein, um erstmals zu investieren“
Lisa Osada, Bild: privat
IT und Finanzen – Lisa Osada kennt gleich zwei Männerdomänen aus dem Effeff. Im Te:nor-Interview erzählt die Gründerin des Blogs Aktiengram.de, warum es wichtig ist, solche Themen in unseren Alltag zu lassen und warum Frauen auch ruhig einmal mehr riskieren sollten.
Lisa, du bist ausgebildete IT-Systemadministratorin, befasst dich aber seit Jahren auch beruflich mit Geldanlage-Tipps – wie bist du zur Informatik und wie zu den Finanzen gekommen?
Lisa Osada: PCs haben mich schon immer fasziniert. Klar, ich habe gespielt. Aber ich habe auch stundenlang Systemeinstellungen ausprobiert: Festplatten neu strukturieren, Betriebssysteme neu installieren – ich habe einfach alles erkundet, aus reinem Interesse. Da lag der Gedanke nahe, in dem Bereich beruflich einzusteigen, etwa als Fachinformatikerin für Systemintegration. Direkt nach der Schulzeit habe ich mich beworben. Beim zweiten Vorstellungsgespräch gab es die Zusage eines börsennotierten Unternehmens. Das war auch meine Eintrittskarte in die Finanzwelt.
Den Zusammenhang müsstest du bitte kurz erklären …
Ich habe als Azubi Mitarbeiteraktien bekommen, musste aber erstmal ein Depot eröffnen, um sie überhaupt halten zu können. Die erste Dividende belief sich auf sechs Euro, steuerfrei wegen des Freibetrags. Da dachte ich mir: Wow, geschenktes Geld! Wie kann ich mehr davon bekommen?
Hattest du denn Ahnung von Aktien & Co.?
Überhaupt nicht. Auch in meinem Umfeld investierte damals niemand in Wertpapiere. Ohne die Mitarbeiteraktien wäre ich wohl auch nicht im Alter von 19 Jahren auf das Thema gestoßen.
In der Schule oder in der Ausbildung gibt es das Unterrichtsfach Geld ja auch nicht.
Ja, leider. Da gibt es übrigens eine Parallele zur IT: Auch die findet zu wenig in den Schulen statt. Dabei gehören doch beide Aspekte zu unserem Alltag. Smartphones, KI-Tools, Taschengeld oder das erste Gehalt, das sinnvoll investiert werden sollte – es ist doch unverständlich, dass uns das alles täglich begleitet und der Umgang damit trotzdem als Expertenthema geframt wird.
Klingt so, als ob du am Anfang beim Investieren auch Fehler gemacht hast.
Selbstverständlich. Ich habe am Anfang zum Beispiel nur deutsche Aktien gekauft. Und immer nur kleine Beträge – 50 Euro hier, 50 Euro da. Damals waren aber die Gebühren noch ziemlich hoch: zehn Euro Gebühr für Aktien im Wert von 50 Euro. Da muss ich heute mit dem Kopf schütteln.
Sehr viel Geld, wenn man in der Ausbildung ist …
Oh ja, aber ich habe auch früh etwas richtig gemacht: Der Online-Broker hat monatliche Sparpläne angeboten, ein aktiver Fonds in den ich jeden Monat 25 Euro investierte. Das war die kleinste Summe, die man anlegen konnte. Nach einiger Zeit habe ich nachgerechnet: 500 Euro vom Gehalt investiert, aber es sind jetzt schon 700 Euro im Depot. Da wurden mir zwei Dinge klar. Erstens, es passiert etwas Positives mit meinem Geld, und zweitens, ich kann das selbst in die Hand nehmen.
Hat dir deine Ausbildung geholfen, die richtigen Finanzentscheidungen zu treffen? ITler sind ja bekanntlich sehr analytische Denker.
Ja, diese Lust, Daten zu analysieren, bringt mich definitiv weiter: Welche Branchen sind abgebildet in diesem ETF, wo finde ich als Anlegerin die notwendigen Infos oder wie lassen sich die Infos strukturiert darstellen?
In der IT hattest du rund acht Jahre gearbeitet, bevor es dich in die Finanzwelt zog – von einer Männerdomäne in die nächste. Welche konkreten Erfahrungen hast du als Frau in den Bereichen gemacht?
Speziell in der IT-Systemadministration haben sehr wenige Frauen gearbeitet. Aber es ist nicht so, dass mich die Kollegen deshalb anders behandelt hätten. Etwas mehr spüre ich das heute mit meinem Engagement als Finanzbloggerin und Autorin. In dieser Bubble spielt es eine viel größere Rolle, ob man eine Frau ist.
Wie äußert sich das?
Ein Beispiel: Ich habe vor einiger Zeit den Post eines Magazins gesehen, auf dem fünf Personen auf dem Cover sind, eine davon eine Frau. Wenn man sich die Kommentare unter dem Beitrag anschaut, liest man Beiträge wie „Was hat die Frau da auf dem Cover verloren?“ Zu den Männern wird nichts kommentiert. Die Kommentarspalten sind voll von negativen Kommentaren gegen die einzige Frau. Seit ich selbst online sichtbar bin, fällt mir das besonders auf.
Wie kommt Frau da raus?
Durch noch mehr Präsenz – gerade bei den Themen, bei denen Frauen noch unterrepräsentiert sind. Sie müssen dann auch nicht immer gleich eine Expertinnenmeinung vertreten. Ich beobachte auf Social Media, dass immer mehr Frauen einfach einmal so nebenbei erzählen, dass sie investieren. Nicht nur auf Finanzkanälen, auch Lifestyle-Bloggerinnen oder Lifestyle-Influencerinnen sprechen zunehmend darüber, dass sie monatlich einen bestimmten Betrag in Aktien oder ETFs anlegen.
Sie machen Finanzen zum Alltäglichen.
Ja, genau. Dass immer mal wieder niederschwellig darüber gesprochen wird, hilft schon sehr. Ich bin auch gespannt aufs Altersvorsorgedepot der Bundesregierung, das hoffentlich bald wirklich startet. Ich wünsche mir, dass viele Frauen dieses politische Signal sehen und dass sich dann auch viele Frauen für ein Depot zur Altersvorsorge entscheiden und beginnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen.
Aber was ist der Grund, weshalb immer noch weniger Frauen als Männer in Aktien investieren?
Zunächst einmal: Es tut sich etwas! Die Zahl der Anlegerinnen ist in den vergangenen Jahren rapide angestiegen. Was ich von Frauen mitbekomme, ist jedoch: Viele denken, sie müssen erstmal das Thema Börse insgesamt verstanden haben, bevor sie sich ein Wertpapier kaufen. Was oft fehlt, ist der letzte Anstupser, um loszulegen. Ganz häufig schreiben mir Frauen: "Hey, ich habe dein Buch gelesen und in der Theorie weiß ich ganz viel. Aber wenn ich dann das Depot eröffnet habe, habe ich da so viel Auswahl, dass ich gar nicht weiß, wo ich beginnen soll – und dann fange ich gar nicht an."
Der Mut zum letzten, entscheidenden Schritt fehlt ihnen?
Ja, obwohl sie wissen, wie alles funktioniert. Der letzte Klick am Ende fehlt. Mein Tipp: Einfach mit kleinen Beträgen starten – da kann nicht so viel schiefgehen. Egal ob Mann oder Frau, man muss nicht perfekt vorbereitet sein, um anzufangen. Unsicherheit ist doch nichts Schlimmes. Es zeigt Interesse und Neugier für ein Thema und dass man etwas lernen will. Diese Erfahrungen musste ich auch machen. Für Aktien im Wert von 50 Euro zehn Euro Gebühren zahlen – das passiert mir nicht noch einmal.
Zur Person:
Lisa Osada arbeitete als IT-Systemintegratorin, bevor sie Anfang 2020 ihre Webseite aktiengram.de launchte. Dort gibt die Finanzbloggerin Tipps und Informationen rund um die Geldanlage. Auf Instagram folgen Lisa rund 115.000 Interessierte. Ihr Buch „Aktien-Life-Balance“ ist mittlerweile in der fünften Auflage erschienen.
5,4 Millionen Frauen
haben 2025 in Aktien investiert – plus 24 Prozent gegenüber 2024.
Quelle: Deutsches Aktieninstitut
8,7 Millionen Männer
haben 2025 in Aktien investiert – plus 12 Prozent gegenüber 2024.
Quelle: Deutsches Aktieninstitut
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