Investitionen in Unternehmerinnen und weibliche Führungskräfte kommen allen zugute
Foto: Vitaly Gariev, Unsplash
Weltweit gründen Frauen so viele Unternehmen wie nie zuvor. Dennoch fließt kaum zusätzliches Kapital in diese Unternehmen. Obwohl seit Jahrzehnten über Gleichberechtigung gesprochen wird, hat sich wenig getan: Frauen erhalten nach wie vor nur einen Bruchteil der verfügbaren Investitionsmittel und sind in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert.
Diese Lücke wird häufig als gesellschaftliches Problem dargestellt, sie ist aber ebenso ein wirtschaftliches. Von Frauen geführte Unternehmen – seien es Start-ups oder börsennotierte Firmen – erzielen starke finanzielle Ergebnisse, bauen stabile Strukturen auf und leisten einen wichtigen Beitrag zum wirtschaftlichen Wachstum. Dennoch bevorzugt der Kapitalfluss weiterhin männliche Unternehmer, und auch Führungsrollen werden überwiegend an Männer vergeben.
Die Finanzierungslücke bleibt bestehen
Die Finanzierungslücke zwischen Frauen und Männern gehört zu den dauerhaftesten Ungleichgewichten in der Investmentwelt. Seit Jahrzehnten bleibt der Anteil des Kapitals, das an Gründerinnen fließt, unverändert niedrig und beträgt in der Regel nur 1 – 3 Prozent der weltweiten Risikokapitalinvestitionen.
Beim Zugang zu Fremdkapital zeigt sich ein ähnliches Bild: Unternehmerinnen haben eine um 10 Prozent geringere Chance auf eine Kreditbewilligung als Männer mit vergleichbarem Profil. Selbst wenn sie eine Finanzierung erhalten, müssen sie oft schlechtere Konditionen hinnehmen, darunter höhere Zinssätze, strengere Anforderungen an Sicherheiten und niedrigere Kreditlimits.
Diese Hürden bremsen das Wachstum von Unternehmen, die von Frauen geführt werden. Viele Gründerinnen müssen daher auf persönliche Ersparnisse oder alternative Finanzierungsmöglichkeiten ausweichen. Dadurch gehen wertvolle Chancen für Innovation und Wirtschaftswachstum verloren.
Frauen erzielen höhere Renditen
Wenn Leistung allein über die Kapitalverteilung entscheiden würde, gäbe es die Finanzierungslücke zwischen Männern und Frauen nicht mehr. In Realität gibt es jedoch ein deutliches Missverhältnis zwischen Ergebnissen und Kapitalfluss.
Untersuchungen zeigen, dass von Frauen gegründete Unternehmen mehr als doppelt so viel Umsatz pro investiertem Dollar erzielen wie von Männern gegründete. Zudem erzielen von Frauen geführte Unternehmen häufig schnellere und erfolgreichere Exits. Wenn solche leistungsstarken Gründerinnen dennoch unterfinanziert bleiben, gehen wichtige Chancen verloren, die zu einem breiteren Wirtschaftswachstum und einer höheren Wettbewerbsfähigkeit beitragen könnten.
Frauen in Führungspositionen sind unterrepräsentiert
Die Erfahrungen aus der Start-up-Szene spiegeln altbekannte Muster in der Unternehmenswelt wider. Frauen sind zwar auf allen Ebenen der Karriereleiter vertreten, doch je näher es Richtung Geschäftsleitung und Aufsichtsrat geht, desto geringer wird ihr Anteil. Weltweit machen Frauen mehr als 40 Prozent der Erwerbstätigen aus, aber nur 28 Prozent der Führungskräfte. In wirtschaftlich besonders relevanten Bereichen wie Technologie, Ingenieurwesen und Wissenschaft sinkt der Anteil von Frauen in Führungspositionen auf 14 Prozent.
Auch hier lässt sich die Ungleichheit nicht mit geringerer Leistung erklären. Unternehmen mit einem hohen Frauenanteil in Führungspositionen haben eine um 25 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein. Unternehmen, bei denen mindestens eine Frau im Vorstand sitzt, erzielen bessere Eigenkapitalrenditen als solche ohne weibliche Vorstandsmitglieder.
Beispiele für Unternehmen, die bei der Gleichstellung eine Vorreiterrolle einnehmen, sind L’Oréal, Veolia und Banco Santander. Diese Organisationen setzen sich besonders für ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis in Führungspositionen und Belegschaft ein, fördern gleiche Bezahlung und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.
Wenn Frauen führen, profitiert die Gesellschaft
Die Vorteile von Investitionen in Frauen reichen weit über die Vorstandsetage hinaus: Erhielten Gründerinnen den gleichen Zugang zu Finanzmitteln wie Männer, könnte das der Weltwirtschaft bis zu 5 Billionen US-Dollar einbringen. Unternehmerinnen investieren überdurchschnittlich viel in Gesundheit, Bildung und lokale Infrastruktur, stärken so den sozialen Zusammenhalt und verbessen die Lebensqualität. Zudem stellen sie häufiger Frauen ein. Damit reduzieren sie die Beschäftigungslücke zwischen den Geschlechtern und fördern ein inklusives Wirtschaftswachstum. Sie erzielen auch häufig bessere ESG-Bewertungen (Environment, Social and Governance) als von Männern geführte Unternehmen – insbesondere in den Bereichen Unternehmensführung und Nachhaltigkeit. Darüber hinaus schaffen sie eher eine Unternehmenskultur, in der sich Mitarbeitende verantwortlich fühlen, Regeln einzuhalten. Das senkt das Risiko von Betrugs und Fehlverhalten und stärkt das Vertrauen in Unternehmen.
Fazit
Immer mehr Studien zeigen ein klares Muster: Von Frauen geführte Unternehmen erzielen häufig starke finanzielle Ergebnisse, fördern eine gesunde Unternehmenskultur und bringen wirtschaftliche Vorteile mit sich. Diese Erkenntnisse sind zwar keine Garantie – denn letztlich hängen Anlageergebnisse immer von Marktbedingungen, Geschäftsmodell und Umsetzung ab.
Die anhaltende geringe Kapitalvergabe an Unternehmen unter weiblicher Führung deutet auf eine strukturelle Ineffizienz bei der Kapitalallokation hin. Wird dieses Ungleichgewicht behoben, eröffnet das Investorinnen und Investoren neue Chancen, verbessert Entscheidungsprozesse und fördert nachhaltiges Wachstum.
Zur Person: Agnes Brelik ist in der Geschäftsleitung der Bethmann Bank als Head Wealth Products Germany für das Ressort Products & Solutions zuständig. Sie verfügt über eine mehr als 20-jährige Erfahrung in der Finanzwirtschaft in den Bereichen Financials, Prozesse und Change Management – davon 16 Jahre lang bei ABN AMRO.
Quellen:
- PitchBook, US VC Female Founders Dashboard
- Bellucci, A., Borisov, A. und Zazzaro, A. (2020). Spielt das Geschlecht beim Zugang zu Bankkrediten eine Rolle? Erkenntnisse aus der Kreditvergabe an kleine Unternehmen. Journal of Banking & Finance
- Europäische Investitionsbank. (2025). Fremdfinanzierung für die Gleichstellung der Geschlechter in der Europäischen Union: Kartierungsstudie 2025, OECD, Finanzierung von KMU und Unternehmern; EIB-Investitionsbericht
- Boston Consulting Group (BCG), Warum Start-ups in Frauenhand eine bessere Wahl sind
- 2019 PitchBook-All Raise All In: Frauen im VC-Ökosystem – PitchBook
- Warum eine geschlechtergerechte Führung in unsicheren Zeiten wichtig ist | Weltwirtschaftsforum
- McKinsey, Diversity Wins (2020)
- Credit Suisse, The CS Gender 3000
- Die Weltwirtschaft ankurbeln: Unternehmerinnen unterstützen | BCG
- The Missing Entrepreneurs 2022: Policies for Inclusive Entrepreneurship (OECD Publishing) Global Entrepreneurship Monitor: Bericht zum Unternehmertum von Frauen 2021/2022 (GEM Consortium)
- Europäische Investitionsbank. (2022). Unterstützung für Unternehmerinnen: Umfrageergebnisse, warum dies sinnvoll ist
- Vielfalt und Inklusion, Die Realitätslücke (Deloitte), Die Revolution der Vielfalt und Inklusion (Deloitte)
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