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Smarte Handynutzung

Text von Nadja Christ
06.03.2025
Gesellschaft

Überweisungen aufgeben, Nachrichten lesen, im Fitnessstudio einchecken, Arzttermine buchen: Wir sind ständig online. Doch was macht das mit uns und unserem Leben außerhalb der digitalen Welt? Und geht es uns besser, wenn wir das Smartphone einfach einmal beiseitelegen?

Rund 2,5 Stunden pro Tag – so viel Zeit verbringen die Deutschen nach einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom durchschnittlich am Handy. Dabei sorgt das kleine Gerät auch im übertragenen Sinn für Verbindungen: 55 Prozent der rund 1.000 Befragten gaben an, ohne das Smartphone viele Freundinnen und Freunde längst aus den Augen verloren zu haben. Ohne geht also nicht? Unvorstellbar, sagen immerhin 83 Prozent der Umfrageteilnehmer. Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum hat dennoch untersucht, was passiert, wenn Menschen komplett auf das Smartphone verzichten oder zumindest ihre Zeit am Handy reduzieren – und was davon besser für unsere Gesundheit ist. Mit einem überraschenden Ergebnis.

Ohne Handy im Hier und Jetzt

Funkstille heißt es im Hubertus Mountain Refugio im Allgäu. Gäste des Hotels können ihr Smartphone beim Einchecken an der Rezeption für den gesamten Aufenthalt abgeben. Beim Check-Out erhalten sie dann nicht nur ihr Handy zurück, sondern auch ein Stück Allgäuer Bergkäse – als Belohnung für die überstandene digitale Abstinenz. „Die Idee ist vor mehr als zehn Jahren aus der Not heraus geboren, als wir so gut wie keinen Telefon- und Internetempfang hatten“, erzählt Marc Traubel, Geschäftsführer des Hotels, das er nun in der dritten Generation führt. „Statt einer Schwäche haben wir darin sofort unsere Stärke erkannt und offensiv unseren Digital-Detox-Ort beworben“, sagt er. Heute steht die Verbindung, doch viele Gäste kommen vor allem wegen der Funkstille. Auf dem Urlaubsportal Wainando schwärmt Nutzerin Eva: „Man glaubt es kaum, aber es macht einiges aus, sich mal komplett seiner Reise zu widmen, ohne mit dem Handy in der Zukunft oder Vergangenheit zu hängen.“

Tausche Handyzeit gegen Wohlbefinden

Wieder zu Hause stellen sich viele Rückkehrer die Frage: Wie lang darf die ideale Handynutzung im Alltag dauern? Um das herauszufinden hat ein Forschungsteam der Ruhr-Universität Bochum eine Studie mit mehr als 600 Personen durchgeführt. Das Ergebnis: Die Gruppen, die ihre Handy-Zeit lediglich um eine Stunde täglich reduzierten oder eine Woche lang sogar ganz darauf verzichteten, steigerten ihre Lebenszufriedenheit und ihre körperliche Aktivität. Vor allem bei jenen Probanden, die auch nach Abschluss der Studie täglich bis zu eine Stunde weniger am Smartphone waren, hielt dieser positive Effekt langfristig an. „Das zeigt uns: Damit es uns besser geht, müssen wir gar nicht komplett auf das Smartphone verzichten“, sagt Lena-Marie Precht vom Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie. 

Handy – praktisch und unersetzlich?

Ob Smartphone, Tablet, Laptop oder Fernseher: Es macht für unsere körperliche und psychische Gesundheit keinen großen Unterschied, vor welchem digitalen Gerät wir stundenlang Zeit verbringen. Doch eine Eigenschaft macht das Smartphone besonders verlockend: „Es ist so klein und praktisch, dass wir es jederzeit und überall mit uns herumtragen können – das ist das Gefährliche“, erklärt Precht. Im Englischen bedeutet Handy übrigens gar nicht „Smartphone“, sondern „praktisch“ und „nützlich“. 
Neben der Dauer ist auch die Qualität der Handynutzung ausschlaggebend für unsere Gesundheit. „Es macht einen Unterschied, ob ich zwei Stunden mit meiner besten Freundin telefoniere oder ständig meine Arbeitsmails checke“, erklärt Precht. Während positive Kontakte unser Sozialleben bereichern, kann sich die dauerhafte berufliche Erreichbarkeit negativ auf unseren Alltag auswirken. Viele Nutzerinnen und Nutzer stehen dann ständig unter Stress und vernachlässigen private Verpflichtungen. 

Handy-Nutzung in Maßen und den Jo-Jo-Effekt vermeiden

Angebote wie dem von Hotelier Traubel steht die Expertin skeptisch gegenüber: „Es ist gut, wenn Gäste die handyfreie Zeit nutzen, um währenddessen ihren Handykonsum kritisch zu hinterfragen und ihn anschließend langfristig verändern.“ Aber: „Der Verzicht von heute auf morgen kann wie ein Jo-Jo-Effekt wirken, ähnlich wie nach einer Crash Diät.“ Soll heißen: Viele nutzen nach dem handyfreien Urlaub ihr Smartphone noch intensiver als vorher, weil sie die verlorene Zeit überkompensieren. 

Für all diejenigen, die nicht komplett auf ihr Smartphone verzichten wollen, bietet das Allgäuer Hotel daher die Funkstille Light an: Dabei behalten die Gäste ihr Handy, deinstallieren aber alle Anwendungen, die mit dem Job zu tun haben. „Das kann einen ersten Anstoß geben, um den Umgang mit dem Smartphone nachhaltig zu verändern“, erklärt Precht. Ihre Beobachtung: Statt sich das Handy stumpf zu verbieten, reflektieren die Gäste ihr Nutzungsverhalten und sind automatisch weniger online. Doch was bedeutet das in Zahlen? „Die ideale Nutzungsdauer ist sehr individuell“, weiß Precht. Die Expertin empfiehlt daher: „Alles unter einer Stunde ist gut, alles ab fünf Stunden zu viel. Die Zeit dazwischen bedarf noch einer detaillierten Erforschung.“ 

Einfach mal abschalten geht auch an diesen handyfreien Orten: 

1. Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages. Deswegen gibt es eine Digital-Detox-Zeit im Speisesaal des Weinstadt Hotels in Weinstadt-Beutelsbach bei Stuttgart – ganz ohne Handy und Laptop. „So können unsere Gäste entspannt in den Tag starten“, sagt Geschäftsführerin Stéphanie Staudenmayer.

2. Im gemütlichen Café-Ambiente des The Offline Club in Amsterdam sollen sich Besucherinnen und Besucher nicht mit dem WLAN, sondern mit sich selbst und anderen verbinden. Die Gäste können zum Beispiel lesen oder malen, aber auch ins Gespräch kommen, neue Leute kennenlernen und Gesellschaftsspiele spielen – ohne Ablenkung durch digitale Geräte.

3. Garantiert klingeltonfrei: Wer im italienischen Restaurant Al Condominio in Verona am Eingang sein Handy abgibt, wird mit einer kostenlosen Flasche Wein zum Essen belohnt. 

4. In Japan ist es verpönt, in Zügen zu telefonieren. Der Vibrationsmodus heißt dort „manaa moodo“ – auf Deutsch: Manier-Modus. Also: unbedingt einschalten und Lautstärke runterfahren.

5. Seit März 2024 sind die Straßen des französischen Dorfs Seine-Port handyfrei. In Geschäften, Bars und Cafés sowie auf dem Dorfplatz ist das Smartphone verboten. So will man die Gemeinschaft fördern. 

6. Am Campingplatz Grounded in Kalifornien/USA geben Camper ihre elektronischen Geräte für die Zeit ihres Aufenthalts ab. Das garantiert die volle Abstinenz vom Alltag.

50 Kilogramm 
CO2-Äquivalente entstehen bei der Produktion eines Smartphones. 
Quelle: United Nations Conference on Trade and Development

8 Kilogramm 
CO2-Äquivalente entstehen bei der Nutzung eines Handys, bis es ersetzt wird.
Quelle: United Nations Conference on Trade and Development

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