Solarenergie aus dem Gleisbett
Mobilität und Energieerzeugung intelligent miteinander verknüpfen – das ist das Ziel von Sun-Ways. Mit seiner patentierten Technologie setzt das Schweizer Start-up auf Solarkraftwerke zwischen Bahnschienen.
Mehr als 33.000 Kilometer Bahnschienen durchziehen Deutschland. In Europa summiert sich das Schienennetz sogar auf rund 350.000 Kilometer und weltweit auf mehr als eine Million Kilometer. In den kommenden Jahren dürfte noch einiges hinzukommen. Schließlich gilt die Bahn im Vergleich zum Auto oder zum Flugzeug als besonders energieeffizient und spielt eine zentrale Rolle bei der Dekarbonisierung des Verkehrs. Ihr Klimapotenzial ließe sich dabei womöglich noch steigern. So könnte man beispielsweise im bislang ungenutzten Raum zwischen den Schienen Solarstrom erzeugen.
Die Bahnstrecke als Solarpark
Genau diese Idee hatte Joseph Scuderi, als er am Bahnsteig auf seinen Zug wartete: Warum nicht Solarmodule auf den Gleisanlagen verlegen und dort Strom produzieren? Die Vorteile liegen nach Ansicht des Schweizers auf der Hand: Weil die Infrastruktur bereits vorhanden ist, entfällt zusätzlicher Flächenverbrauch und damit auch ein Teil der Investitionskosten. Scuderi entschloss sich, den Gedanken weiter zu verfolgen. Durch seine Arbeit als Marketing- und Projektmanager hatte er bereits Kontakte zum Energiesektor geknüpft. Dank seines Netzwerks gewann er Partner, die ihn sowohl finanziell als auch mit Fachwissen dabei unterstützten, seine Idee zu konkretisieren – bis er 2023 Sun-Ways gründete.
Auf seinem Weg bremsen ihn jedoch ausgerechnet die Bahnvorschriften oft aus. Der Grund: Ihre technischen und sicherheitsrelevanten Anforderungen sind enorm hoch. Sein System darf den Zugverkehr in keiner Weise beeinträchtigen und muss sich jederzeit leicht entfernen lassen – etwa für Wartungs- und Bauarbeiten. „Wir mussten zahlreiche mechanische Tests durchführen, technische Studien anfertigen und langwierige Regulierungsprozesse durchlaufen, um alle Sicherheitsgarantien zu erfüllen“, berichtet Scuderi. Dennoch war Aufgeben für den Unternehmensgründer nie eine Option: „Ich gehöre zu der Generation, die vom Fortschritt billiger fossiler Energien profitiert hat“, sagt er und ergänzt: „Als Vater von vier erwachsenen Kindern und Großvater eines Enkels möchte ich – auch für alle künftigen Generationen – dazu beitragen, nachhaltige Lösungen umzusetzen.“
Bahn-Photovoltaik – Stresstest unter realen Bedingungen
Im April 2025 war es endlich so weit: Sun-Ways nahm im Kanton Neuchâtel seine erste Photovoltaik-Anlage auf einer Bahnstrecke in Betrieb, die auch für den Verkehr freigegeben ist. Die Teststrecke ist 100 Meter lang und besteht aus 48 handelsüblichen Photovoltaikmodulen mit je 385 Watt Leistung. In unmittelbarer Nähe steht ein Wechselrichter, der den gewonnenen Strom ins öffentliche Netz des lokalen Energieversorgers einspeist. Die Module selbst befinden sich in einem robusten Stahlrahmen, der direkt auf den Schwellen aufliegt und mit einem Klemmsystem an den Schienen fixiert wird – ganz ohne Schrauben oder Bolzen. Zum schnellen und präzisen Ein- beziehungsweise Ausbau hat der Schweizer Gleisbauspezialist Scheuchzer eine spezielle Maschine entwickelt. Sie schafft bis zu 300 Meter pro Stunde und rund 500 Module am Tag, also rund 1.000 Quadratmeter.
Solarstrom zwischen Schienen – ein Modell mit Zukunft?
Roland Einhaus, Leiter des Photovoltaik-Fachbereichs Module, Systeme, Anwendungen beim Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) hält es grundsätzlich für sinnvoll, Flächen in Regionen mit wenig Freiraum mehrfach zu nutzen. Er sieht bei der Sun-Ways-Idee aber auch Herausforderungen: „Die horizontale Ausrichtung der Paneele ist nicht optimal für den Stromertrag. Jede Sonderanwendung mindert die Effizienz – wirtschaftlich müsste man das genau prüfen.“ Dazu zieht Scuderi nach den ersten acht Monaten der Testphase ein erstes Fazit: „Der fehlende Neigungswinkel der Paneele verringert die Leistung um etwa zehn Prozent – damit haben wir gerechnet.“ Er schätzt, dass sich mit der 100-Meter-Anlage jährlich rund 16.000 Kilowattstunden Strom produzieren lassen. Damit könnte man circa acht Zweipersonenhaushalte ein Jahr lang mit Strom versorgen.
Die Testphase soll aber nicht nur die Leistung der Anlage dokumentieren, sondern auch zeigen, wie die Paneele auf Erschütterungen im Bahnverkehr reagieren. Von Sun-Ways durchgeführte Studien gewährleisten, dass das aktuelle System bei Zuggeschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometern pro Stunde stabil läuft. Auch die Frage, ob Schmutz die Leistung mindert, steht auf dem Prüfstand. „Bislang haben wir keine Beeinträchtigung festgestellt“, betont Scuderi. Er hat auch schon eine Idee, um Ablagerungen auf den Paneelen zu minimieren: Am Zugende aufgebrachte Bürsten könnten die Module während der Fahrt reinigen. Und selbst für Diebstahlschutz ist gesorgt. „Wir senken den Wiederverkaufswert gestohlener Module, indem wir jedes Paneel gut sichtbar markieren“, erklärt Scuderi. Einhaus vom ZSW bleibt dennoch skeptisch: „In Bodenlage verschmutzen die Module stärker als auf dem Dach. Da Standardmodule wegen des Preisdrucks zudem immer dünner und leichter gebaut werden, sind sie mechanisch weniger belastbar. Im Zugbetrieb kann das zu Mikrobrüchen oder Schäden an Lötverbindungen führen.“
Mehr Photovoltaik-Strom für die Bahn
Statt den Solarstrom ins allgemeine Stromnetz einzuspeisen, könnte die Bahn ihn über ihre eigenen Umspannwerke auch selbst nutzen – für Signale und Weichenheizungen, für Beleuchtung und Technik in Bahnhöfen oder direkt für die Züge über die Oberleitungen. Das macht die Bahn unabhängiger und entlastet das öffentliche Netz. „Wir arbeiten unter anderem mit der Fachhochschule Hes-So Valais-Wallis zusammen, um ein intelligentes Eisenbahn-Stromnetz für lineare Photovoltaikanlagen, ein Smart Grid, zu modellieren“, berichtet Scuderi.
Spätestens 2028 möchte Sun-Ways seine in vielen Weltregionen patentierte Technologie auf den Markt bringen. „Das Potenzial ist riesig“, sagt Scuderi. „Die Bahnsysteme weltweit sind nahezu identisch und unsere Systeme an alle Spurweiten anpassbar.“ Mit der französischen Staatsbahn SNCF hat das Start-up bereits einen Kooperationsvertrag unterzeichnet. Auch mit Unternehmen aus anderen Ländern laufen Gespräche, darunter Deutschland. ZSW-Experte Einhaus sieht das System hierzulande jedoch nicht so schnell umgesetzt: „Deutschland hat im Vergleich zur Schweiz aktuell keine besonders stabile Bahninfrastruktur. Die Bahn sollte aus Kundensicht Sanierungen den Vorrang geben, bevor sie über innovative Zusatzkonzepte nachdenken kann.“ Bis die Deutsche Bahn vom Energieverbraucher zum Energieproduzenten wird, kann es also noch etwas dauern.
69,8 Prozent
des Bahnstrommixes der Deutschen Bahn stammte 2024 aus erneuerbaren Quellen.
Quelle: Deutsche Bahn
1 Terawattstunde
Strom pro 5.000 Kilometer könnten Solarpaneele zwischen Schienen erzeugen.
Quelle: Sun-Ways
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