Aus Müll mach Möbel
Wohnungen brauchen Möbel – und Möbel brauchen Material, sei es Holz oder Kunststoff. Das dänische Unternehmen Mater hat ein Material entwickelt, das ohne neu gewonnene Rohstoffe auskommt. Stattdessen setzt es auf Produktionsabfälle aus Holz und Kaffee.
Möbel kosten Ressourcen. Allein der schwedische Möbelkonzern Ikea verbrauchte im Jahr 2022 für seine Produkte 20 Millionen Kubikmeter Holz. Holz wächst zwar nach, aber ein paar Jahre braucht es dafür schon, und eigentlich benötigen wir lebendige Bäume mindestens so dringend wie geschlagenes Holz. Um diesen Zielkonflikt zu lösen, hat das dänische Unternehmen Mater ein nachhaltiges Material für den Möbelbau entwickelt. Es ist recyclingfähig. Und: Es ist aus Müll gemacht.
Matek heißt das Material, das optisch Marmor und Terrazzo ähnelt. Mater produziert daraus Stühle, kleine Tische oder Lampen. Grundstoff für Matek seien Holzreste, Kaffeeabfälle und altes Plastik aus Elektroschrott, sagt CEO Ketil Årdal: „Ein Bindemittel aus Plastik oder Plastikalternativen wie Zuckerrohr halten den Stoff zusammen.“ Die Holzreste kommen sowohl aus Maters eigener Holzmöbelproduktion als auch von anderen Unternehmen, die in der gleichen Produktionsstätte ebenfalls Einrichtungsgegenstände herstellen.
Auch der verwendete Abfall stammt quasi aus regionaler Produktion: Die Kaffeereste bezieht Mater vom größten dänischen Kaffeehersteller Merrild Kaffe, den Plastikmüll liefert ein schwedisches Unternehmen, das alte Elektrogeräte wie Küchenmaschinen und Tastaturen sammelt und das Plastik von den Metallteilen trennt.
4,4 Kilogramm Holzmüll für einen Stuhl
Je nachdem, welche Farbe oder Struktur ein bestimmtes Möbel haben soll, braucht man ein unterschiedliches Mischverhältnis von Kaffee- und Holzresten. Für ein dunkleres Ergebnis sind mehr Kaffeereste nötig. Für ein Material, das eher Terracotta ähnelt, benötigt der Mater hingegen mehr Holzreste. Aus rund 4,4 Kilogramm Holz- und Kaffeeresten kombiniert mit dem Bindemittel aus Plastik entsteht so die Grundmasse, die das Unternehmen für die Herstellung eines Stuhls benötigt. Dabei handelt es sich bei weitem nicht mehr um Kleinserien: „Vor ein paar Jahren hatten wir eine Bestellung für 15.000 Stühle von einem britischen Kunden“, erzählt Årdal. Rund 66 Tonnen Holzabfälle hat Mater dafür in der Produktion verarbeitet.
Haben die Matek-Möbelstücke das Ende ihrer Nutzungsdauer erreicht, kann Mater sie recyceln oder kompostieren. Einzelne Stühle einzusammeln, wäre ziemlich aufwendig. Aber da das Unternehmen sich vor allem an B2B-Kunden wie Banken oder Hotels richtet, kommen in Zukunft wahrscheinlich nicht nur einzelne Möbel zurück, sondern gleich Ladungen von mehreren Hundert oder Tausend Stück.
Für das Recycling werden die alten Stühle, Tische und Lampen gemahlen. Es entsteht ein grobes Pulver, das anschließend wieder zu neuen Möbeln verarbeitet werden kann. „Wenn wir statt normalem Plastik als Bindemittel Alternativen aus Zuckerrohr genutzt haben, können wir die Möbelstücke sogar vollständig kompostieren“, sagt CEO Årdal. Dafür gehen die alten Stühle und Tische in eine industrielle Kompostieranlage – und werden dort ähnlich wie im heimischen Kompost zersetzt.
Bei aller Begeisterung über die die Geschäftsidee raten Expertinnen wie Susanne Ritzmann, Professorin für nachhaltige Produktgestaltung und -entwicklung an der Kunsthochschule Kassel, zur Vorsicht: „Wenn man Abfallströme nutzt, um daraus Produkte wie Möbel herzustellen, kann das die Abfallströme verfestigen“, sagt Ritzmann. Es entstehe quasi eine Nachfrage nach Müll. Dieses Problem sieht auch Mater-CEO Årdal – sieht Matek aber nicht als eine Ursache, die Abfallströme geradezu zu provoziert: „Insbesondere Elektrogeräte und das darin verarbeitete Plastik sorgen für einen der am schnellsten wachsenden Abfallströme weltweit“, sagt Ardal. „Und unser Bedarf an Kaffee- und Holzresten ist auf die gesamte Industrie gerechnet so marginal, dass wir dadurch keine Nachfrage kreieren oder einen Abfallstrom zementieren.“
Möbel aus Textilresten?
Klar ist: Wenn es auf der Welt an einem nicht mangelt, dann dürfte das Abfall jeglicher Art sein. Deshalb testet Mater aktuell Prototypen, für die das Unternehmen Textilreste nutzt. Denn CEO Årdal möchte Mater nicht nur als Möbelhersteller verstanden wissen, er sieht Mater vor allem als Green-Tech-Unternehmen. „Das Experimentieren ist ein wichtiger Teil unserer Philosophie“, sagt er. Schon Mater-Gründer Henrik Marstrand habe stets nach neuem Material für die Möbelproduktion gesucht – und begonnen hatte er 2006 nicht etwa mit Kaffeesatz und Holzbasteleien, sondern tatsächlich mit defekten Fischernetzen und altem Aluminium. Jetzt an Material aus Textilresten zu forschen, ist also ein bisschen wie eine Rückkehr zu den Wurzeln der Firma.
Um die perfekte Grundstoffmixtur aus Kaffee- und Holzresten für Matek zu finden, musste das Unternehmen lange tüfteln, auch mit Hilfe des Danish Technological Institute in Taastrup. „Die größte Herausforderung von grünem Design ist, dass es nicht nur nachhaltig und qualitativ hochwertig sein muss. Es muss auch gut aussehen“, sagt Ardal. „Niemand kauft hässliche Möbel, nur weil sie nachhaltig sind.“
Hinzu kommen die Kosten: Unternehmen wie Mater müssen mit ihren konventionell produzierenden Wettbewerbern preislich mithalten können – doch das ist häufig schwierig. Wer seine Produktion auf nachhaltigere Materialien umstellen will, muss dafür meistens investieren und umrüsten. „Für viele Unternehmen sind die Kosten für neue Maschinen die größte finanzielle Belastung“, erklärt Expertin Ritzmann.
Um solche Investitionen stemmen zu können, hat sich Mater schon im Jahr 2020 das Private-Equity-Unternehmen Nordic Alpha Partners an Bord geholt. „Dänemark gehört zu den führenden Nationen in der Entwicklung grüner Technologien und verfügt außerdem über eine sehr starke Design-Tradition“, sagt Jakob Fuhr Hansen von Nordic Alpha Partners. Mater gelinge es, diese beiden Stärken zu verbinden und gleichzeitig große internationale Marken für ihr Konzept zu gewinnen. Das Geld nutzt der Hersteller, um die Produktion zu erweitern: Das Unternehmen will künftig größere Tischplatten aus Matek produzieren, etwa für Ess- oder Schreibtische. Dafür müssen nun Maschinen her, die Tischplatten in dieser Größe herstellen können.
10,78 Millionen Tonnen
Möbel landen jährlich EU-weit im Müll.
Quelle: Europäische Union
61,2 Millionen Kubikmeter
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Quelle: Statistisches Bundesamt
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