Mit Glas und Gloria - Gustav van Treeck Werkstätten
Die Münchner Glasmalerei Gustav van Treeck, gegründet 1887, fertigt farbenprächtige Fenster und Mosaike und restauriert jahrhundertealte Werke. Die beiden Chefinnen behaupten sich mit kreativen Ideen in einer herausfordernden Branche.
Wer Deutschlands ältestes Kloster im Saarland oder den neuen Medizincampus der Universität Augsburg besucht, kann dort abstrakte Kunst bestaunen oder traditionelles Handwerk. Die vielfarbigen Kirchenfenster des Starkünstlers Gerhard Richter im Kloster wurden genauso wie die großformatige Foto-Wandgestaltung des Augsburger Lehrgebäudes von einem Münchner Unternehmen gefertigt: Gustav van Treeck. Der Namensgeber stammte aus einer alten Glasmalerfamilie und gründete 1887 seinen eigenen Betrieb in München.
In einem Schwabinger Hinterhof entstehen seither in Handarbeit Bleiverglasungen und Glasmalereien, aber auch Mosaike und Skulpturen. Fassadenhohe Fenster lassen viel Licht in die verwinkelten Werkstätten, in Regalen bis unter die Decke stapeln sich in schmalen Fächern Glasplatten und mundgeblasene Gläser in allen erdenklichen Farben. An der Wand warten, verpackt in Dutzende Einzelteile, Fenster der Münchner Frauenkirche auf ihre Restaurierung. Auf einem Leuchttisch liegt ein gut 100 Jahre altes Glasgemälde. Feine Pinselstriche in Rottönen skizzieren eine Landschaft, unten an der Ecke zieht sich ein Sprung durchs Motiv. Nebenan werden bunt verzierte Gläser repariert: Fenster aus dem Schloss Neuschwanstein haben einen Hagelschaden erlitten. „Wir arbeiten sehr viel an Restaurierungen“, sagt Glasmalermeisterin Raphaela Knein, die gemeinsam mit der Grafikdesignerin und Journalistin Katja Zukic das Unternehmen leitet. „Es gibt unglaublich viele alte Fenster, in Kirchen und Klöstern und öffentlichen Gebäuden.“
Glas zählt zu den ältesten Werkstoffen, mit denen Menschen arbeiten. In früheren Jahrhunderten waren prunkvolle Kunstwerke aus Glas für Sakralbauten, Schlösser oder Palais gefragt. Restaurierungen machen heute beim Atelier van Treeck einen Großteil des Geschäfts aus. „Diese Projekte sind nach wie vor eine wichtige Einnahmequelle für unsere Werkstätten“, sagt Zukic. Meist bleibe aber nicht viel hängen: „Ausschreibungen werden oft nach Preis entschieden. Das spricht leider nicht immer für Qualität.“ Denn alle Arbeiten werden von Hand ausgeführt, angepasst ans historische Original, und so, dass sie möglichst unsichtbar sind. Das kostet Zeit und die ist teuer. „Wir übertragen Tradition in die Moderne“ Schönes erhalten und Altes wertschätzen, ist den beiden Unternehmerinnen ebenso wichtig, wie den Betrieb weiterzuentwickeln. „Traditionelle Technik kann man in einem anderen Kontext anwenden“, sagt Knein.
„Wir übertragen Tradition in die Moderne.“
Seit sie und Zukic die Geschäftsführung übernommen haben, bietet van Treeck auch Designobjekte an: Beistelltische, Lampen, Vasen oder Obstschalen. Zu den Kooperationspartnern gehören etwa Möbeldesigner Sebastian Herkner, Industriedesigner Christian Haas oder Textildesignerin Elisa Strozyk. Durch die Zusammenarbeit mit Designern und die Entwicklung standardisierter Produkte „haben wir uns eine komplett neue Käuferschicht erschlossen“, sagt Zukic.
Die beiden Frauen lösten 2015 Peter van Treeck, einen Enkel des Firmengründers, an der Spitze ab. „Wir haben Schulden übernommen, als wir eingestiegen sind. Es gab kaum Kontakte, zu wenig Aufträge“, erzählt die 55-Jährige. Der Markt für Glasmalerei ist klein: In Deutschland gebe es „nur noch eine Handvoll großer Werkstätten, die alle genau das Gleiche machen“, sagt Zukic. Ihr war klar: Van Treeck muss sich davon abheben.
Seit 2023 produzieren die Münchner auch eine Designkollektion von Architekturgläsern, also Glaselemente für Türen, Raumteiler oder Duschwände, die sich im Interior-Design einsetzen lassen. Mit Neugestaltungen, Restaurierungen und Objekten macht van Treeck rund 1,4 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Rund 20 Beschäftigte arbeiten im Unternehmen, darunter drei Auszubildende.
Drei Glasfenster nach Entwürfen von Gerhard Richter
Einer breiteren Öffentlichkeit wurde der Traditionsbetrieb bekannt, als die Münchner neue Fenster für die Abtei Sankt Mauritius in Tholey anfertigten, die 2020 eingebaut wurden. Für die Gestaltung der drei modernen Glasfenster, die Gerhard Richter für Deutschlands ältestes Kloster entworfen hatte, kamen verschiedene klassische Techniken wie freie Glasmalerei, Ätzen, Siebdruck und Sandstrahlarbeiten zum Einsatz. Auch die zahlreichen Fenster der deutsch-afghanischen Künstlerin Mahbuba Maqsoodi in der Benediktinerabtei stammen aus dem Hause van Treeck. Wenn Glasmalermeisterin Knein von den vielen Projekten der vergangenen Jahre erzählt, schwärmt die 36-Jährige außer von ihrem Beruf auch von einer Besonderheit, die er mit sich bringt: „Man kommt oft an Orte, an die nie jemand hindarf.“ Sei es in einer Kirche bis zum Wetterhahn oder ins Torhaus von Schloss Neuschwanstein, das normalerweise für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. „Wir haben da geschlafen.“ Und natürlich haben sie und ihr Team bei der Arbeit viele Kirchen in Deutschland und anderswo auf der Welt kennengelernt, etwa die Kathedrale in Dublin oder eine evangelische Kirche in Qingdao in China, für die der Münchner Betrieb Fenster rekonstruierte.
Im Frühjahr 2026 präsentieren Zukic und Knein ihr Unternehmen erstmals auf der Mailänder Möbelmesse. Das Ziel, ihre Handwerkskunst als Designobjekte oder Architekturgläser in mehr Privathäuser zu bringen, haben die Chefinnen fest im Blick. Noch seien Aufträge von Privatleuten relativ selten. Lang vor ihrer Zeit, in der Epoche des Jugendstils und des Art Déco, war es an der Tagesordnung, dass Wohlhabende handbemalte Glasfenster oder aufwendige Mosaikarbeiten in Auftrag gaben. Das Kunsthandwerk war gefragt, die Branche blühte. Gustav van Treecks Werkstatt wurde 1903 zur „Bayerischen Hofglasmalerei“ ernannt – ein Titel, mit dem sich das Unternehmen nach wie vor schmückt.
Damals wie heute gingen die Werkstätten mit der Zeit und setzten auf Neuerungen: Von 1913 an begann der Glasmalereibe trieb zusätzlich mit der Ausführung von Mosaikarbeiten. Moderne Beispiele für die kleinteiligen Kunstwerke finden sich auf dem Melaten-Friedhof in Köln, in der neu gestalteten Pralinenabteilung im Münchner Delikatessenhaus Dallmayr oder auch in einem Badezimmer in einem Allgäuer Privathaus.
Mosaiksteinchen aus Italien
Geeignetes Glasmaterial oder gleich die vorgebrochenen Teilchen, die sogenannten Smalten, bezieht das Unternehmen aus Italien. „Mosaik hat weniger Tradition in Deutschland“, sagt Knein. Den Beruf des Mosaizisten kann man laut Zukic nur in Italien lernen. Bei der Anfertigung der Kunstwerke ist Ausdauer gefragt: Für zwei Wandmosaike am Münchner Westfriedhof fügten die Fachleute von van Treeck rund 180.000 farbige Glassteine zusammen, jeder einzelne einen mal einen Zentimeter groß.
Regelmäßig schaut Peter van Treeck in den Werkstätten vorbei, obwohl er mit 86 Jahren längst im Ruhestand ist. Als Vertreter der dritten Familiengeneration hatte der Kunsthistoriker in den 1970er Jahren eine Abteilung für Konservierung und Restaurierung historischer Glasmalereien eingerichtet. Seither werden diese Arbeiten auf wissenschaftlicher statt rein handwerklicher Basis gemacht. Konserviert hat das Unternehmen beispielsweise die mittelalterlichen Fenster des Regensburger Doms, an den Fenstern der Münchner Frauenkirche wird seit 2023 gearbeitet.
Bei der neuen Strategie habe Peter van Treeck ihnen viel Freiheit gelassen, auch wenn er manchmal skeptisch gewesen sei, erzählen seine Nachfolgerinnen. „Er hat sehr viel Vertrauen in uns“, sagt Knein. Neben dem Bewusstsein für Tradition verbindet das Trio die Liebe zu ihrem Handwerk und der hohe Anspruch an die eigene Arbeit. Zukic sagt: „Wir sind super nischig, aber diese Nische besetzen wir weltweit.“
Dieser Artikel ist zuerst in Character erschienen, dem Gesellschaftsmagazin der Bethmann Bank. Weitere Informationen zur aktuelen Ausgabe finden Sie auf unserer Webseite.
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