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„Wir müssen genauso beständig sein wie Kunststoff selbst“

Text von Jasmin Oberdorfer
03.06.2026
Unternehmen

Katrin Schuhen will mit Wasser 3.0 Mikroplastik aus unseren Gewässern entfernen. Zugleich bringt sie mit ihren Projekten Menschen ins Handeln. Ein Gespräch über politische Trägheit, Popcorn aus Kunststoff und TShirts mit recyceltem PET, die mehr schaden als nutzen. 

Frau Schuhen, im Juni wird es voll am gesamten Neckar. Was passiert da?

Katrin Schuhen: Wir wollen wissen, wie stark der Fluss mit Mikroplastik – also Kunststoffpartikeln unter fünf Millimetern – belastet ist. Am 6. Juni 2026 starten wir deshalb eine große Aktion: Von der Quelle des Neckars bei Villingen-Schwenningen bis zur Mündung in Mannheim wollen wir Wasserproben entnehmen, alle drei bis vier Kilometer und an bestimmten Abschnitten noch häufiger. Wir haben dafür in EU-Projekten standardisierte Protokolle und Vorgehensweisen erarbeitet und validiert. So ist sichergestellt, dass die Ergebnisse nicht nur interessant, sondern auch wissenschaftlich verwertbar sind. Zahlreiche Freiwillige machen mit, darunter viele Schulklassen. Im Labor werten wir die Proben innerhalb kurzer Zeit aus. 

Was folgt auf die Analyse? 

Im nächsten Schritt schauen wir genauer hin: Wo ist die Belastung besonders groß und warum? Also: Welche Quellen kommen infrage – Kläranlagen, Industrie, belastete Böden? In der Regel lässt sich kein einzelner Verursacher benennen. Entscheidend ist es deshalb, die Haupteintragsquellen für Mikroplastik herauszuarbeiten. Dann können wir gezielt auf Verantwortliche zugehen. 

Warum liegt es Ihnen so am Herzen, auch Kinder und Jugendliche in das Gewässermonitoring mit einzubeziehen? 

Mit unserem Analyse-Kit erleben Schülerinnen und Schüler Forschung hautnah. Sie gehen raus, nehmen Proben und sehen, was im Wasser schwimmt – das ist greifbar und motivierend. Unsere Ergebnisse fließen in unsere Global Map of Microplastics ein, eine interaktive Plattform, die Belastungen weltweit sichtbar macht. In der Schule wird oft über Probleme, aber selten über Lösungen gesprochen. Bei uns hingegen sind die Kinder wichtiger Teil eines echten wissenschaftlichen Projekts. Das macht sie stolz – und bringt das Thema nach Hause an den Küchentisch.

Und wie gelangt es vom Küchentisch in die Politik? 

Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir genauso beständig sein wie Kunststoff selbst. Und vor allem: positiv bleiben und belastbare Daten liefern. Damit nehmen wir der Politik die Ausrede, sie würde handeln, sobald genug Fakten vorliegen. Unsere Ergebnisse zeigen eindeutig: Es ist dringend. Wir alle trinken, essen und atmen Mikroplastik. Wir forschen seit zehn Jahren und entwickeln Lösungen. Trotzdem bewegt sich die Politik nur langsam. Noch immer gibt es keine Vorgaben, die die Industrie zur Entfernung von Mikroplastik aus ihrem Abwasser verpflichten. Und das obwohl in einem einzigen Liter Industrieabwasser oftmals Millionen Mikroplastikpartikel schwimmen. 

Sie haben ein Verfahren entwickelt, das die Mikroplastikbelastung entscheidend verringern könnte. Wie kam es dazu?

Ich bin ein lösungsorientierter Mensch. Wenn ich ein Problem sehe, will ich es verstehen und beheben. Beim Thema Mikroplastik war schnell klar: Filteranlagen sind keine adäquate Lösung. Je kleiner die Partikel, desto aufwendiger und teurer wird die Filterung. Also habe ich den Ansatz umgedreht: Die Partikel müssen größer werden. So entstand das Prinzip „Clump and Skim“ – verklumpen und abschöpfen. Kernstück unserer Anlage ist ein Rührkessel. Dort leiten wir das Wasser ein, erzeugen einen Strudel und geben spezielle Hybridkieselgele hinzu. Diese Verbindungen auf Siliziumdioxidbasis binden Kunststoffpartikel aus über 200 Polymertypen und formen daraus Klumpen, die an die Wasseroberfläche steigen. Die Klumpen ähneln Popcorn. Bis zu 95 Prozent des Mikroplastiks lassen sich so entfernen.

Und was passiert mit diesen Klumpen?

Das ist kein Abfall, sondern ein wertvoller Rohstoff, zum Beispiel für die Bauindustrie als Beton- und Zementbestandteil. Das gereinigte Wasser wiederum fließt zurück in den Produktionskreislauf. Das spart sowohl Ressourcen als auch Kosten. 

Für welche Branchen eignet sich Ihr Verfahren besonders?

Wir wollen verschmutztes Wasser reinigen, bevor es überhaupt in Flüsse, Seen oder in die Weltmeere gelangt. Wichtige Profiteure unseres nachhaltigen Prozessdesigns sind unter anderem die Papier- und Kunststoffverarbeitung, das Recycling, aber auch Bereiche wie die Automobil- oder Textilindustrie oder 3D-Druck. Unsere Anlagen funktionieren nach dem Baukastenprinzip. Jedes Unternehmen hat andere Voraussetzungen, wenn es um Platz, Wassermenge und Zusammensetzung des Abwassers geht. Darauf stellen wir uns ein und entwickeln individuelle Lösungen. Als gemeinnütziges Unternehmen schützen wir unser Know-how, geben jedoch die Technologie für den Transfer frei. Wir wollen, dass viele Menschen die Lösungen einsetzen. Da sollten Einstiegshürden abgebaut werden.

Wie stark ist das Verfahren bereits verbreitet?

Inzwischen haben wir mehr als zwanzig Machbarkeitsstudien mit Industriepartnern – Namen dürfen wir nicht nennen – und Kläranlagenbetreibern durchgeführt. In Landau-Mörlheim läuft seit vier Jahren eine Langzeitstudie in einer Kläranlage. Sogar auf der griechischen Insel Mykonos haben wir im Rahmen eines EU-Projekts eine Anlage installiert und den Prozess über anderthalb Jahre begleitet. Für den breiten Einsatz braucht es jedoch klare gesetzliche Vorgaben.

Was können wir im Alltag tun? 

Schon beim täglichen Wäschewaschen lässt sich viel verändern. Wer die Temperatur senkt, die Schleuderzahl reduziert und nur die Hälfte des Waschmittels nutzt, verringert den Abrieb von Mikroplastik um bis zu 70 Prozent. Ganz ohne Waschmittel geht es aber nicht, denn es glättet die Fasern und verhindert, dass sie brechen.
Von T-Shirts aus recyceltem PET würde ich übrigens abraten. Diese Fasern sind instabiler, reiben schneller auf und erzeugen mehr Mikroplastik als herkömmliche Textilien. Kleidung aus recyceltem PET geht also schnell kaputt. 

Sie haben kürzlich ein Buch über Mikroplastik veröffentlicht – geschrieben als Krimi. Werden die Täter am Ende gefasst?

Es geht weniger darum, jemanden zu überführen, sondern vielmehr darum, zu verstehen: Wer trägt Verantwortung? Wer weiß was, wer handelt und wer nicht? Ich will keine Panik schüren. Kunststoff hat seine Berechtigung und lässt sich auch nicht überall ersetzen. Aber ich will zeigen, wo es Handlungsspielräume gibt: in Unternehmen, NGOs, Politik, Wissenschaft und im Alltag. Die Botschaft lautet: Weniger reden, mehr machen.

Zur Person
Dr. Katrin Schuhen ist Chemikerin und Gesundheitspädagogin. Nach ihrer Promotion in Chemie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg sammelte sie zunächst Erfahrungen in der Medizintechnik und Polymerindustrie. Von 2012 bis 2018 erforschte und entwickelte sie als Juniorprofessorin für organische und ökologische Chemie innovative Methoden, um Mikroplastik und Mikroschadstoffe mit Hybridkieselgelen aus dem Wasser zu entfernen. 2020 gründete sie das gemeinnützige Forschungs- und Innovationsunternehmen Wasser 3.0 mit Sitz in Karlsruhe. Sämtliche Gewinne fließen konsequent in Forschung und Innovation rund um das Thema Mikroplastik zurück.

Katrin Schuhen | © Sebastian Heck
Foto: Sebastian Heck

100 Millionen Tonnen 
Plastikmüll sind Schätzungen zufolge bisher ins Meer gelangt. 
Quelle: Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung

128 Liter 
Trinkwasser verbraucht jeder Deutsche durchschnittlich pro Tag. Quelle: Statistisches Bundesamt, 2022

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