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Isis Riquelme: Wer, wenn nicht wir?

Text von Sina Hoffmann
17.03.2026
Nachhaltigkeit
Isis Riquelme zählt zu den wichtigsten Stimmen der chilenischen Klimabewegung | © Isis Riquelme

Isis Riquelme, Bild: privat

Isis Riquelme zählt zu den wichtigsten Stimmen der chilenischen Klimabewegung. Mit 17 entwickelte sie das erste Umweltbildungsprogramm Lateinamerikas, drei Jahre später gründete sie ein Start-up, das KI mit lokalem Wissen verknüpft, um Städte und Gemeinden besser auf Extremwetter vorzubereiten. Ihr Ziel: soziale und ökologische Gerechtigkeit – und ein Bildungssystem, das die Krisen unserer Zeit ernst nimmt.

Valparaíso ist Chiles wichtigster Hafen, gleich daneben findet sich ein Hotspot der Industrialisierung. Viele Menschen leben hier unmittelbar neben Fabriken und Raffinerien. Solche Städte nennen die Chilenen „Opferzonen“, denn Natur und Menschen zahlen den Preis für wirtschaftliches Wachstum: Fehlgeburten, Krankheiten, sinkende Lebenserwartung, hohe Blei- und Arsenwerte schon bei Schulkindern. „Der Großvater eines Schulfreundes arbeitete in einer dieser Raffinerien“, erzählt Isis Riquelme. „Er war einer der grünen Männer“, sagt sie. Grüne Männer, so nennen sie in der Gegend um den Hafen verstorbene Arbeiter, deren Körper aufgrund von Kontamination mit Giftstoffen bei der Autopsie grün verfärbt waren. Die 26-Jährige – aufgewachsen in Valparaíso – hat deshalb schon in der Jugend beschlossen, etwas gegen die Umweltverschmutzung zu tun.

Als sie 13 Jahre alt war, ist ihre Familie nach Santiago gezogen. Doch auch in der Hauptstadt war die Umweltverschmutzung allgegenwärtig – aufgrund hoher Feinstaubbelastung konnten die Einwohner oft tagelang vor lauter Smog den Himmel nicht sehen. Das hatte Auswirkungen nicht nur auf Herz, Kreislauf und Lungen, sondern auch auf die Psyche. Zwischen 2000 und 2017 registrierten die chilenischen Behörden mehr als 6.000 Suizide von Jugendlichen. Chile weist damit eine der höchsten Suizidraten unter Jugendlichen in Lateinamerika auf. 

Grüne Männer, so werden in der Gegend um den Hafen verstorbene Arbeiter, deren Körper aufgrund von Kontamination mit Giftstoffen bei der Autopsie grün verfärbt waren, gennant.

Wie eng Umweltverschmutzung und mentale Gesundheit zusammenhängen, erlebte Riquelme in ihrem direkten Umfeld: Ihr Englischlehrer nahm sich mit 34 Jahren das Leben. Seinen Abschiedsbrief hinterließ er als Klassenarbeit. Darin schrieb er über Umweltverschmutzung, Einsamkeit und fehlende Unterstützung. Riquelme erlebte weitere Suizide in ihrem Umfeld, sah wie sich eine junge Frau vor ihren Augen auf die Metrogleise warf. Diese Erlebnisse haben sie aufgerüttelt: „Wenn so viele junge Menschen sterben, dann läuft hier eindeutig etwas falsch." 

Damals noch im Jugendalter, begann sie zu recherchieren: Studien zeigen tatsächlich, dass Umweltverschmutzung und fehlende Grünflächen die Dopaminrezeptoren im Gehirn hemmen und Depressionen verstärken können. Gegen diese sozialen und psychischen Folgen der Umweltverschmutzung wollte Riquelme etwas unternehmen.

Umweltbildung für Chiles Schulen

Mit 17 Jahren gründete sie deshalb mit Unterstützung einiger Lehrer das erste Umweltbildungsprogramm Südamerikas: Plan B. Das Ziel: Umweltbildung sollte ein fester Bestandteil des Lehrplans werden. Zum Beispiel arbeiten Schüler im Mathematikunterricht nicht mit beliebigen Beispielen, sondern mit echten Klimadaten oder Zahlen zum Rückgang der Biodiversität. „Wir nutzen Statistiken zum Temperaturanstieg oder zum Artenverlust – so ist der Unterricht greifbarer und spannender“, erzählt sie. Im Fokus steht auch die mentale Gesundheit: Riquelmes Schule legte Gärten an, pflanzte Heilkräuter und schuf grüne Rückzugsorte für Jugendliche.

Damit das Beispiel im wahrsten Sinne des Wortes Schule macht, setzte sie sich schon früh dafür ein, dass mehr Umweltpädagogen ausgebildet werden. Gemeinsam mit der Jugendorganisation Tremendas startete sie noch während der Corona-Pandemie ein Ausbildungsprogramm, das ökologische Themen mit sozialer Kompetenz verbindet. Im vergangenen Jahr schloss die erste Generation ihre Ausbildung ab. Pilotprojekte laufen bereits an Schulen in drei Gemeinden der Region. „Umweltbildung ist immer noch nur eine Zusatzqualifikation – das reicht nicht aus“, betont sie. 

Chucaw: KI trifft traditionelles Wissen

Während ihres Geografiestudiums erkannte die junge Frau ein weiteres Problem. An Daten zur Klimakrise mangelt es nicht, aber das vorhandene Wissen ist nicht für alle zugänglich. Auch deshalb sind chilenische Kommunen kaum auf Extremwetterereignisse vorbereitet. Diese Lücke wollte sie schließen und gründete 2022 zusammen mit zwei Freunden das Start-up Chucaw. Der Name stammt aus der Sprache der Mapuche, einem indigenen Volk aus dem Süden Chiles und bedeutet „Warnruf eines Vogels“. 

Die Plattform nutzt Geoinformationssysteme, KI und digitale Zwillinge, um Risiken für Extremwetterereignisse wie Waldbrände, Überschwemmungen oder Dürren vorherzusagen. Chucaw bietet derzeit zwei Softwarelösungen: ResiliAI, ein Frühwarnsystem für Katastrophenmanagement, und SBNAI, das nachhaltige Lösungen für Landwirtschaft und Stadtentwicklung bietet. Die Software identifiziert Risikozonen, berechnet mögliche Schäden und schlägt konkrete Schutzmaßnahmen vor. Über eine App sollen Bewohner künftig selbst Gefahren wie Waldbrände oder Erdrutsche in Echtzeit melden können. Zudem entwickelt Chucaw bereits das nächste Programm ein System, das Gesundheitseinrichtungen bei Hitzewellen warnt und älteren Menschen nahegelegene klimatisierte Schutzräume zeigt.

Wir sind die letzte Generation, die einen großen Wandel bewirken kann – und die erste, die stark unter dem Klimawandel leiden wird.
Isis Riquelme

Chucaw kombiniert dafür KI-Technologie mit lokalem Wissen. „Die indigenen Gemeinschaften wussten schon vor Jahrhunderten: Wenn sich das Meer zurückzieht, muss man sich in den Bergen in Sicherheit bringen, da eine Flutwelle naht. Das ist Katastrophenwissen, das nicht verloren gehen darf“, sagt Riquelme. Das Team schult zudem gezielt Frauen und Jugendliche im Katastrophenmanagement und im Umgang mit digitalen Tools, damit sie Wissen weitergeben und lokale Netzwerke aufbauen können.

Bisher arbeitet das Start-up mit Partnern aus Costa Rica, Paraguay und Kolumbien zusammen. Bei der Weltklimakonferenz COP28 erhielt Chucaw eine Auszeichnung und nahm an Accelerator-Programmen in Abu Dhabi, Barcelona und Paris teil. Mithilfe dieser Kontakte soll nun eine Niederlassung in Europa entstehen. Auch hier wächst der Markt für Klimarisiko-Managementsysteme.

Eine Stimme für Klimagerechtigkeit

Aber politische Prozesse können dauern. Als Unternehmerin hingegen kann sie Ideen direkt in die Tat umsetzen: „Politische Veränderung braucht Beharrlichkeit – als Gründerin erreiche ich in kürzerer Zeit sichtbare Fortschritte.“ Für die nächsten Jahre hat Riquelme klare Ziele: Umweltbildung und Klimaanpassung noch stärker in den Alltag bringen, die Beteiligung von Frauen und Jugendlichen stärken und die Anpassung an den Klimawandel mit digitalen und sozialen Innovationen vorantreiben. 

Ihr Antrieb ist auch persönlich: „Ich habe Hoffnung, weil ich sehe, wie weit wir schon gekommen sind“, sagt sie. „Und weil ich an meinen kleinen Sohn denke. Wir sind die letzte Generation, die einen großen Wandel bewirken kann – und die erste, die stark unter dem Klimawandel leiden wird. Wenn wir uns nicht engagieren, wer dann?“ 

 

Der Beitrag von Sina Hoffmann entstandwährend ihrer Zeit als Stipendiatin der Heinz-Kühn-Stiftung

 

 

Hilfsangebote bei Depressionen & Suizidgedanken

Wenn du dich gerade in einer schwierigen Situation befindest, bist du nicht allein. Es gibt Menschen, die zuhören und helfen – kostenlos, anonym und rund um die Uhr.

Sofortige Hilfe – Krisentelefone & Chats
Wenn du oder jemand anderes in akuter Gefahr ist, ruf sofort den Notruf 112 oder 110 an.

Telefonseelsorge 
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar – kostenlos, anonym und ohne Warteschleife.
Telefon: 0800 111 0 111 (evangelisch)
Telefon: 0800 111 0 222 (katholisch)
Online-Beratung: online.telefonseelsorge.de

Nummer gegen Kummer (Kinder, Jugendliche, Eltern)
Kinder- und Jugendtelefon: 116 111
Elterntelefon: 0800 111 0 550
Online-Beratung: nummergegenkummer.de
Erreichbarkeit: Mo–Sa, 14–20 Uhr (Jugendtelefon); Mo–Fr, 9–17 Uhr (Elterntelefon)

Krisenchat (Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahre)
Für alle, die lieber schreiben als sprechen – der Krisenchat bietet psychosoziale Beratung per Messenger.
Online: krisenchat.de
Erreichbarkeit: 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche

Weitere Anlaufstellen
Deutsche Depressionshilfe: Informationen und Selbsttests unter deutsche-depressionshilfe.de
Psychiatrische Notaufnahme: Jedes Krankenhaus mit psychiatrischer Abteilung ist verpflichtet, dich aufzunehmen – auch ohne Überweisung.

 

 

832.000 Menschen 
sind zwischen 1995 und 2024 weltweit durch Extremwetterereignisse gestorben.
Quelle: Germanwatch Climate Risk Index

43 Milliarden Euro 
haben die direkten und indirekten Schäden durch Wetterextreme allein im Sommer 2025 in der EU gekostet.
Quelle: Uni Mannheim / EZB

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