Deutsche Energiewende – mit Folgen auf der anderen Seite des Atlantiks
Laguna Lejía, San Pedro de Atacama, Chile / Bild: Vinicius Henrique Photography, Unsplash
Grüner Wasserstoff gilt als ein Hoffnungsträger der Energiewende. Da Deutschland ihn nicht in ausreichender Menge selbst produzieren kann, schließt die Bundesregierung weltweit Energiepartnerschaften ab – unter anderem mit Chile. Aber was bedeutet das Geschäft mit Wasserstoff für die Menschen vor Ort und für das einzigartige Ökosystem Patagoniens?
Chile verfügt über ideale Voraussetzungen, um erneuerbare Energien zu erzeugen: Die Atacama-Wüste im Norden gehört zu den sonnenreichsten Orten des Planeten. Im Süden dagegen, in Patagonien, wehen extrem starke Winde. Eine Windturbine kann dort bis zu dreimal so viel Strom erzeugen wie in Deutschland. Laut Chiles Nationaler Wasserstoffstrategie könnte das Land bis zum Jahr 2030 bis zu 13 Prozent des weltweiten grünen Wasserstoffs produzieren – zu deutlich niedrigeren Kosten als in Europa.
Diese Voraussetzungen haben Chile früh in den Blick der deutschen Energiepolitik gerückt. Laut einer Studie des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches lassen sich mit grünem Wasserstoff die Treibhausgas-Emissionen im Vergleich zu Erdgas um etwa 70 Prozent reduzieren.
Haru Oni: ein Leuchtturmprojekt am Ende der Welt
Die weltweit erste Anlage zur Erzeugung synthetischer Kraftstoffe aus grünem Wasserstoff steht im Süden Chiles. Sie wird vom chilenischen Unternehmen HIF (Highly Innovative Fuels) Global betrieben und unter anderem von deutschen Unternehmen wie Siemens Energy und Porsche unterstützt. Die Anlage nutzt den starken Wind Patagoniens als Energiequelle. Eine 3,4 Megawatt Windturbine von Siemens Gamesa erzeugt den Strom für einen PEM Elektrolyseur (Proton Exchange Membrane), der Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff spaltet. Die PEM-Technologie kommt ohne Chemikalien aus, reagiert schnell auf Lastschwankungen und kann innerhalb weniger Sekunden hoch- oder heruntergefahren werden – ein Vorteil in abgelegenen Regionen ohne stabiles Stromnetz. In der anschließenden Synthese werden Wasserstoff und CO₂ zu E Methanol verbunden. Das benötigte CO₂ stammt derzeit aus einer Brauerei, soll aber künftig mittels Direct-Air-Capture-Verfahren direkt aus der Atmosphäre gewonnen werden. Da Wasserstoff schwer zu transportieren ist, wandelt HIF ihn vor Ort in E-Fuels um – und verschifft den klimafreundlichen Kraftstoff nach Europa.
Die synthetischen Kraftstoffe lassen sich wie herkömmliches Benzin einsetzen. Zwei Beispiele: Porsche nutzt sie im Motorsport und Zodiacs bringen Touristen und Forschende mit dem Antriebsstoff von Argentinien in die Antarktis. Bis zu 350 Tonnen E-Fuels kann die Anlage im Jahr produzieren. Zu wenig, um den Bedarf eines großen Markts zu decken – aber technologisch ist der Output ein Meilenstein.
Grüner Wasserstoff - lernen unter Extrembedingungen
Für Siemens Energy ist das Projekt eine Chance, die globale Wasserstoffproduktion weiterzuentwickeln. Die abgelegene Lage und die extremen Windbedingungen stellten das Unternehmen dabei vor besondere technische Anforderungen. „Die Integration der Komponenten an einem Standort ohne bestehende Netzinfrastruktur war für uns Neuland“, sagt Markus Speith, Head of Solution Development Power-to-X bei Siemens Energy. Anders als bei einer stabilen Netzanbindung muss hier die Anlage fähig sein, den Schwankungen der Windkraft unmittelbar zu folgen. Daher konzipierte Siemens Energy Speichersysteme, die Lastspitzen abfedern und in Verbindung mit einer speziellen Steuerungslogik den Anlagenbetrieb stabilisieren. Die Erfahrungen aus dieser Anlage, die seit 2023 im regulären Betrieb ist, sind inzwischen bereits in andere Projekte eingeflossen, die um ein Vielfaches größer sind.
Auch HIF verfolgt eine weitere Skalierung: Nachdem die Pilotanlage gezeigt hat, dass die Technologie in kleinem Maßstab funktioniert, plant das Unternehmen nun einige Kilometer entfernt von Haru Oni eine deutlich größere Anlage mit eigenem Windpark und einer Leistung von 372 Megawatt. Parallel dazu arbeitet HIF an ähnlichen Projekten in den USA, in Uruguay, Brasilien, Australien und im Oman. „Wir haben bewusst mit einer überschaubaren Größe begonnen, um besser zu verstehen, welche ökologischen und sozialen Auswirkungen große Anlagen haben – bevor wir skalieren“, erklärt Rodrigo Delmastro, Manager von HIF Energy.
Apropos Auswirkungen: Damit die globale Energiewende nicht auf Kosten der lokalen Bevölkerung und Natur geht, setzt HIF auf Maßnahmen wie unterirdische Stromleitungen statt Strommasten, auf Radarsysteme zum Schutz von Vögeln und auf die Nutzung aufbereiteten Abwassers, um den enormen Wasserbedarf der Elektrolyse zu senken. Kooperationen mit lokalen Bildungsinstituten sollen zudem sicherstellen, dass die Wertschöpfung vor Ort bleibt. „Unser Anspruch ist es, Energiebedarf mit hohen ökologischen und sozialen Standards in Einklang zu bringen“, so Delmastro.
Haru Oni: zwischen Hoffnung und Skepsis
Während Haru Oni als Vorzeigeprojekt international Aufmerksamkeit erhält, stehen andere geplante industrielle Wasserstoffvorhaben in Chile zunehmend in der Kritik. Tausende Windräder, neue Straßen, Industrieanlagen und größere Häfen wären notwendig – Eingriffe, die die bisher weitgehend unberührte Landschaft stark verändern würden. Kritiker befürchten eine neue Form der Abhängigkeit, die an alte Muster globaler Ungleichheit anknüpft, in der europäische Akteure stärker von lokalen Ressourcen profitieren. Auch Wissenschaftler warnen: Die geplanten Anlagen liegen in einem der sensibelsten Ökosysteme Südamerikas und könnten Lebensräume bedrohter Tierarten sowie die Zugrouten von Walen und Delfinen beeinträchtigen. Bewohner sorgen sich zudem, dass Fachkräfte aus dem Ausland die gut bezahlten Stellen erhalten und die lokale Bevölkerung kaum profitiert.
Enrique Rebolledo Toro, Umweltsekretär der Region, räumt ein, dass man noch nicht bereit für Projekte dieser Größenordnung sei, da Mitten in den unberührten Weiten des Landes Camps mit entsprechender Infrastruktur entstehen müssten. „Für jedes Projekt brauchen wir Unterkünfte für Tausende Arbeiter, die diese Anlagen errichten, und die Wasser, sanitäre Anlagen sowie Nahrung benötigen und Abfall verursachen. Das verändert unser dünn besiedeltes Gebiet.“
Andere Chilenen sehen die wirtschaftlichen Vorteile: Die Wasserstoffindustrie könnte viele neue Arbeitsplätze und Investitionen schaffen – ein wichtiger Aspekt in einer Region, deren Wirtschaft bisher von Schafzucht, Fischerei und saisonalem Tourismus abhängt. „Die Tourismussaison dauert nur wenige Monate, aber die Leute brauchen das ganze Jahr über Arbeit und vor allem Perspektiven“, sagt zum Beispiel Taxifahrer Juan Soto.
Die Preisfrage: Wie gelingt eine nachhaltige Energiewende?
Die Entwicklung in Chile zeigt, wie komplex die globale Energiewende ist. Grüner Wasserstoff könnte dazu beitragen, die CO₂-Emissionen des Verkehrssektors zu senken. Da Europa seine Klimaziele künftig kaum ohne Importe erreichen wird, rücken Länder wie Chile mit günstigen Produktionsbedingungen zunehmend in den Fokus. Aber nur wenn beteiligte Regierungen und Projektträger die lokale Bevölkerung einbeziehen und der Ausbau erneuerbarer Energien nicht auf Kosten der Natur erfolgt, kann die Energiewende wirklich nachhaltig und sozial verträglich gelingen.
Der Beitrag von Sina Hoffmann entstand im Rahmen ihres Stipendiums bei der Heinz-Kühn-Stiftung
78 Millionen US-Dollar
hat das Projekt Haru Oni gekostet.
Quelle: HIF
9 Liter
Wasser werden benötigt, um ein Kilogramm grünen Wasserstoff herzustellen.
Quelle: Fraunhofer ISI
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