Zum Seiteninhalt springen Zur Fußzeile springen

Viel los mit Moos

Text von Jasmin Oberdorfer
09.04.2026
Nachhaltigkeit

Ein angenehmes Mikroklima ist eines der zentralen Ziele nachhaltiger Stadtentwicklung. Immer mehr kreative Ansätze helfen dabei, urbane Hitzeinseln zu verkleinern und die Luftverschmutzung zu reduzieren – und nutzen dabei Moos, Bambus oder gar Beton.

Sie speichern Kohlenstoff, filtern Feinstaub aus der Luft und spenden Schatten – Bäume verbessern die Lebensqualität in Städten und wirken wie kleine Klimaanlagen. Stadtbäume können sogar die Umgebungstemperatur nachweislich um mehrere Grad Celsius senken. Doch Bäume benötigen Platz, und der ist in Innenstädten äußerst knapp. Deshalb braucht es Konzepte, die sich nahtlos in die urbane Umgebung einfügen. Eines davon kommt aus Brandenburg: Green City Solutions entwickelt luftreinigende vertikale Pflanzmodule – sogenannte CityTrees. Sie nutzen eine natürliche Ressource: Moos. 

Die Idee dazu entstand an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden. Dort lernten sich die Gründer von Green City Solutions während ihres Landschaftsbau- und IT-Studiums kennen und stellten fest: Moos ist ein echtes Filterwunder. „Moose besitzen keine klassischen Wurzeln für den Stoffaustausch, sie holen sich Nährstoffe und Wasser direkt aus der Luft“, erklärt Mitgründer und CEO Peter Sänger. Dabei nehmen sie auch Feinstaubpartikel auf, die sie in ihren Stoffwechsel einbauen. Zusätzlich zersetzen Mikroorganismen, die auf den Moosen leben, Schadstoffe und verwandeln sie in Biomasse. 

Zu Beginn ließen er und seine Mitstreiter sich Moose aus aller Welt schicken. „Es gibt weltweit mehr als 20.000 Moosarten. Wir wollten herausfinden, welche sich am besten für unsere CityTrees eignen“, erklärt Sänger. Dabei haben sie eine Moosart gefunden, die für alle Standorte in Kontinentaleuropa geeignet sind. Dennoch forschen sie weiter und testen regelmäßig neue Arten. Am Firmenstandort in Bestensee sind rund 20 Mitarbeitende beschäftigt – von der Entwicklung über den Vertrieb und die Montage bis hin zur Wartung. Für die Arbeit mit den Moosen stehen ihnen eigene Gewächshäuser und ein Labor zur Verfügung.

Moose, Holz und Hightech 

Die CityTrees bestehen aus einem mehr als drei Meter hohen Holzkubus, an dessen Seitenflächen mit Moos bepflanzte Textilmatten hängen. Holzlamellen schützen das Moos vor direkter Sonneneinstrahlung. Im Inneren arbeitet intelligente Technik: Ventilatoren saugen Luft von unten an und leiten sie durch die Moosoberflächen. Heraus strömt sauberere Luft. Gemeinsam mit dem Dresdner Institut für Luft- und Kältetechnik hat Green City Solutions zudem ermittelt, dass der CityTree die Luft in seiner unmittelbaren Umgebung um bis zu vier Grad herunterkühlt. 

Ein sensorgesteuertes Bewässerungssystem, das von Bestensee aus überwacht wird, hält die Moose in allen Installationen gleichmäßig feucht. Weitere Sensoren erfassen regelmäßig die Temperatur und liefern so Daten über die tatsächliche Kühlleistung. „Die Schadstoffreduktion messen wir nicht direkt an jedem Standort, das wäre zu aufwendig“, erklärt Sänger. „Tests zeigen aber, dass die Mooswände bis zu 82 Prozent des Feinstaubs aus der Luft filtern können.“ Ein bis zweimal im Jahr tauscht Green City Solutions die Moosplatten aus und bereitet die Pflanzen wieder auf. „Sie bekommen bei uns eine spezielle Nährlösung und ideale Kulturbedingungen, dann kommen sie erneut zum Einsatz“, so Sänger.  

Die CityTrees lassen sich flexibel erweitern: Sitzbänke und Pflanzmodule machen sie zu urbanen Treffpunkten. Fehlt ein Wasseranschluss, versorgen Tanks unter der Sitzfläche das System. Ein CityTree benötigt etwa einen Liter Wasser pro Stunde, wobei sich auch Regenwasser nutzen lässt. Zudem funktioniert das Konzept bei Bedarf auch ohne Stromanschluss. Dann liefert eine integrierte Solaranlage die Energie für die Technik. 

Flexible Lösungen für saubere Luft

Neben dem Kubus bietet Green City Solutions auch flachere Varianten an, die sich an Wänden montieren lassen. Spezielle Moosmodule für Innenräume sorgen in Büros oder Einkaufszentren für saubere, frische Luft und verringern den Einsatz herkömmlicher Klimaanlagen. Auf Wunsch baut der Hersteller auch Bildschirme ein, die Werbespots oder andere Inhalte zeigen.

Etwa die Hälfte der Auftraggeber kommt aus Kommunen, die übrigen aus der Privatwirtschaft, darunter Immobilienfirmen, Bauträger oder Einkaufszentren. Auch Altenheime und Schulen nutzen die Technik mittlerweile. Mit Unterstützung der Gemeinde Schönefeld erhielten dort beispielsweise drei Schulen insgesamt 14 begrünte Wandelemente – sogenannte WallBreeze – und drei CityTrees. „Als wir angefangen haben, war nachhaltiger Städtebau vielerorts noch kein Thema“, erinnert sich Sänger. Heute hingegen, so der Gründer, erkennen immer mehr Städte, wie wichtig es ist, die Luftqualität zu verbessern und Hitzeinseln zu vermeiden.

Noch mehr coole Ideen 

Mit dem wachsenden Bewusstsein für nachhaltige Stadtplanung entstehen immer mehr innovative Konzepte, so auch in Wien. Im neunten Bezirk betreibt der Energieversorger Wien Energie eine Fernkältezentrale – ein zentrales Kühlsystem, das an heißen Sommertagen ganze Gebäudekomplexe temperiert und dessen Kühle sogar noch ausreicht, um erfrischende Sitzmöglichkeiten zu schaffen: Im Sommer 2024 stellte Wien Energie auf einem nahegelegenen Platz drei Betonblöcke mit integrierten Sitzflächen auf. Die vom Designbüro Bergner entworfenen Objekte nutzen das 15 bis 20 Grad kühle Wasser, das nach der Gebäudekühlung zurück in die Fernkältezentrale fließt. Über Wärmetauscher überträgt sich die Kälte direkt auf die Betonblöcke. Auf der Website der Stadt Wien heißt es, der Beton sei dadurch „um bis zu 15 Grad kühler als die Umgebungstemperatur“. 

Ziemlich futuristisch wirken die Entwürfe des belgischen Architekten Vincent Callebaut, der bereits 2014 seine Vision eines Paris der Zukunft präsentierte: „Paris 2050 Smart City“ umfasst acht Turmtypen, die das Stadtklima der Zukunft verbessern sollen. Einer davon ist der Bamboo Nest Tower. In dem Hochbau aus geflochtenem Bambus mit vertikalen Gärten, in denen Obst und Gemüse gedeihen, kühlt verdunstendes Wasser aus den Pflanzen die Umgebung. „Diese Hochhäuser holen die Natur zurück ins Herz der Stadt“, heißt es in den Projektunterlagen. Bis es tatsächlich so weit ist, dürfte es aber noch dauern, denn die Pläne sind eher als Inspiration, denn als konkreter Bauplan zu verstehen. Da sind die Produkte von Green City Solutions greifbarer, im wahrsten Sinne des Wortes: „Inzwischen stehen in ganz Europa mehr als hundert Moosmodule von uns, die 2025 knapp eine Milliarde Kubikmeter Luft erfrischt haben“, sagt Sänger. Wer weiß, vielleicht auch bald in Paris. 

68 Prozent 
der Weltbevölkerung dürften bis 2050 im urbanen Raum leben. 
Quelle: Vereinte Nationen 

4,2 Millionen
vorzeitige Todesfälle durch belastete Außenluft gab es 2019 schätzungsweise. 
Quelle: WHO 

Ähnliche Artikel