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Joghurt frisch aus dem Hafen

Text von Klara Walk
13.04.2026
Nachhaltigkeit
© Twelve Photographic Services

Bild: Floating Farm im Hafen von Rotterdam, Copyright Twelve Photographic Services

Eine schwimmende Farm im Hafen von Rotterdam macht vor, wie sich eine Stadt künftig mit frischen Lebensmitteln versorgen könnte. So ist die Lebensmittelversorgung weniger abhängig von komplexen Lieferketten, sagen die Initiatoren. Und: leckerer.

Strom kommt aus der Steckdose und der Joghurt aus dem Kühlregal? Etwas komplizierter ist es doch, und das kann ein Problem sein. Lange, komplexe Lieferketten für frische Lebensmittel sind anfällig für Störungen. Obendrein ist der ökologische Fußabdruck eines im Kühllaster transportierten Joghurts immens. In Rotterdam zeigt eine besondere Farm, wie eine ressourcenschonende, stadtnahe Versorgung mit frischen Lebensmitteln aussehen könnte. Die Niederländer sagen: Die Lösung liegt auf dem Wasser.

Kreislaufwirtschaft auf dem Ponton

Genauer gesagt liegt die Lösung auf einem Ponton im Rotterdamer Hafen. Dort bewirtschaftet ein engagiertes Team die weltweit erste schwimmende Farm. Rund 30 bis 40 Milchkühe der Rasse Maas-Rijn-Ijssel leben hier seit Mai 2019 und produzieren Rohmilch, die zu Trinkmilch, Joghurt, Käse oder Butter verarbeitet wird – nicht für den Export oder für die Show, sondern für die Einwohner der Stadt. 

Hinter dem Projekt stehen Minke und Peter van Wingerden. Minke ist CEO des Unternehmens Floating Farm. Sie will das Projekt nicht bloß als Hingucker im Hafen verstanden wissen: „Wir produzieren auf zirkuläre und nachhaltige Weise frische, gesunde Lebensmittel für die Stadtbevölkerung. Ich würde es eher ein neues Lebensmittelsystem nennen“, sagt sie. Aber warum ausgerechnet auf dem Wasser? „Schauen Sie sich unseren Planeten an: Wir haben sehr viel Wasser – alles meist ungenutzte Flächen.“

Die Idee zum Kuhstall auf dem Wasser kam Minkes Mann Peter im Jahr 2012. Während des Hurrikans Sandy brach die Lebensmittelversorgung in der Millionenmetropole New York zusammen. Die Supermärkte dort sind abhängig von tausenden Trucks, die täglich Nahrungsmittel in die Stadt bringen – doch der Hurrikan hatte die Straßen zerstört, die Trucks kamen nicht durch. Innerhalb kürzester Zeit waren die Regale leer. Van Wingerden war schockiert. Er kam mit einer Idee zu seiner Frau: „Lass uns einen schwimmenden Bauernhof bauen, hat er gesagt“, erzählt Minke van Wingerden. Sie musste erst einmal darüber nachdenken, erinnert sie sich. Dann fand sie die Idee aber „brillant“: eine Farm zur Versorgung der Einwohner, auf dem Wasser, angebunden an die städtische Infrastruktur, aber unabhängig von langen Lieferketten.

Kreislaufwirtschaft im Hafenbecken

Die Floating Farm ist als Kreislaufwirtschaft konzipiert: Auf dem Dach wird Regenwasser gesammelt und aufbereitet – es dient den Kühen als Trinkwasser. Strom liefern schwimmende Solarpaneele. Auf der obersten Ebene der dreistöckigen Konstruktion leben die Milchkühe – ausgestattet mit Melkroboter, automatischem Futterband und etwa 15 Quadratmetern Platz pro Tier. Wollen die Kühe mehr Auslauf, steht ihnen eine angrenzende Weide an Land zur Verfügung. Ihre Melkzeiten bestimmen die Kühe selbst, indem sie zum Melkroboter gehen. Die Hinterlassenschaften der Kühe werden gesammelt und zu biobasierten Produkten weiterentwickelt, zum Beispiel zu Pflanztöpfen.

Bild: Minke van Wingerden, Copyright Floating Farm NL

Auf der mittleren Ebene wird die Rohmilch direkt vor Ort verarbeitet. Im Untergeschoss schließlich befinden sich seit Kurzem per LED-beleuchtete vertikale Beete: Neben Sprossen wachsen in dem ressourcenschonenden geschlossenen System auch Kräuter wie Basilikum oder Zitronenmelisse – ohne Pestizideinsatz, mit einer Wassereinsparung von 85 Prozent gegenüber herkömmlichen Anbaumethoden. Der Verkauf der Microgreens soll das Projekt in Zukunft noch wirtschaftlicher machen.

Neben zugekauftem Heu verfüttern die Farmer auch Nebenprodukte einer Brauerei sowie übriggebliebene Brote und Brötchen von Rotterdamer Bäckereien. Gelegentlich ebenfalls auf dem Speiseplan der Kühe: Orangenschalen. „Ein örtlicher Supermarkt gibt uns die Schalen, die beim Saftpressen übrigbleiben, statt sie wegzuwerfen“, erklärt van Wingerden. Auf die Idee, das, was andere wegwerfen würden, an die eigenen Tiere zu verfüttern, sind mittlerweile auch andere Bauern in der Gegend gekommen. Einer ihrer Brötchenlieferanten habe deshalb die Lieferungen eingestellt, sagt van Wingerden. Ein anderer Abnehmer zahlt ihm mehr für die alten Brötchen. Van Wingerden sieht das mit einem lachenden und einem weinenden Auge: „Das bedeutet, dass wir uns einen neuen Lieferanten suchen müssen. Es bedeutet aber auch, dass ein weiterer Bauer verstanden hat, dass alte Brötchen eine Ressource sind, kein Abfall.“

Keine Butter ohne Buttermilch

Ihre eigenen Produkte verkauft die schwimmende Farm sowohl über einen Automaten im Hafen als auch in einem Online-Shop. Die Produkte sind beliebt, einige sind sehr schnell ausverkauft. Zuletzt gab es zum Beispiel einen Run auf Butter. „Die Leute fragen uns, warum wir nicht mehr Butter produzieren, wenn sie doch so schnell ausverkauft ist“, erzählt van Wingerden, „aber Butter ist eben nur mit dem Nebenprodukt Buttermilch zu haben – und die Buttermilch müssten wir wegschütten, das kommt nicht in Frage.“ Der Grund: Die Nachfrage nach Buttermilch ist niedriger als die Nachfrage nach Butter. Dass man das eine nur mit dem anderen haben kann, wüssten viele Menschen gar nicht mehr, sagt van Wingerden. 

Kurzfristiger Profit kann so schnell weg sein, wie er gekommen ist. Aber frische Nahrung für die eigene Stadt, die nicht von Straßen, Spritpreisen und den Gewinnabsichten großer Händler abhängig ist, das ist mehr als Investment. Das ist Impact.
Minke van Wingerden, CEO Floating Farm

Das Team der schwimmenden Farm sieht das Projekt nicht nur als Beispiel dafür, wie Städte oder Gemeinden ihre Lebensmittelversorgung autarker gestalten könnten. Sie betrachten es auch als eine Art Bildungsprojekt. „Die Menschen haben vergessen, was Nahrung ist und wo sie eigentlich herkommt. Sie haben vergessen, wie man sie herstellt. Und sie haben vergessen, welchen Einfluss frische, gesunde Ernährung auf unsere Gesundheit hat.“ Die Farm ist daher eine Möglichkeit, über gleich mehrere Themen aufzuklären: nachhaltige, zirkuläre Nahrungsmittelproduktion, die dezentral, aber eingebunden in die städtische Infrastruktur funktioniert und den Menschen eine Grundlage gesunden Lebens wieder näherbringt – frische und ausreichende Nahrung eben. 

Insgesamt zwei Millionen Euro haben van Wingerden und ihr Mann, kleine Familienbetriebe und Privatpersonen in das Projekt investiert. Sie sind auf der Suche nach weiteren Investoren, die die Chancen einer Farm auf dem Wasser sehen. Nicht nur für die eigene Rendite, sondern auch für die Menschheit, sagt van Wingerden: „Kurzfristiger Profit kann so schnell weg sein, wie er gekommen ist. Aber frische Nahrung für die eigene Stadt, die nicht von Straßen, Spritpreisen und den Gewinnabsichten großer Händler abhängig ist, das ist mehr als Investment. Das ist Impact.“

153 Menschen
ernährt ein Landwirt oder eine Landwirtin in Deutschland mit seinen Produkten rechnerisch.
Quelle: Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat

84 Prozent
beträgt der Selbstversorgungsgrad mit Lebensmitteln in Deutschland.
Quelle: Bundesinformationszentrum Landwirtschaft  

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