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Saubere Flüsse, gesunde Meere

Text von Nadja Christ
11.05.2026
Nachhaltigkeit

Müll gelangt meist über Flüsse ins Meer und wird dort zum globalen Problem. An diesem Punkt setzen Freiwillige und Kleinunternehmer mit ihrem Umweltengagement an: Sie sammeln Abfall, bevor er ins Wasser gelangt. Drei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Engagement vor Ort aussehen kann.

Bis zu 150 Millionen Tonnen Plastik treiben derzeit in den Ozeanen – das entspricht dem Gewicht von rund 15.000 Eiffeltürmen oder etwa der Hälfte der Weltbevölkerung, rechnet die Umweltstiftung WWF Deutschland vor. Was einmal im Wasser ist, lässt sich nur schwer wieder entfernen und zerfällt mit der Zeit zu Mikroplastik. Die winzigen Partikel können über Wasser und Nahrungsketten schließlich auch in den menschlichen Körper gelangen und zu gesundheitlichen Problemen führen. Ein Großteil des Mülls gelangt über Flüsse ins Meer. Wer die Meere schützen will, muss deshalb so früh wie möglich ansetzen und bereits die Ufer kleiner und großer Flüsse vom Müll befreien. Die folgenden Beispiele aus Deutschland zeigen, wie es geht. 

Kölner Aufräumkommando: mehr Sauberkeit am Niederrhein

Wenn es heißt, da ist die Rheinkrake, wurde kein achtarmiger Polyp gesichtet, der im längsten Fluss Deutschlands treibt. Die Rheinkrake ist vielmehr eine schwimmende Müllfalle der Kölner Rhein-Aufräum-Kommando-Einheit, kurz K.R.A.K.E. Sie fischt Abfälle direkt aus dem Rhein, bevor sie weiter in Richtung Meer treiben. 

Christian Stock hat die Initiative 2015 gegründet. Zuvor arbeitete er 20 Jahre als Schauspieler. „Im Jahr 2014 habe ich einen Film in Nepal gedreht und immer wieder beobachtet, wie die Menschen den Müll einfach in die Flüsse geworfen haben“, erinnert sich Stock. Die Momente haben ihn zum Nachdenken gebracht: „Ich kann dort nichts ändern, aber vielleicht vor meiner eigenen Haustür?“

Es sind immer dieselben Leute, die mit anpacken.
Christian Stock, Gründer Kölner Rhein-Aufräum-Kommando-Einheit

Heute befreit der 43-Jährige bei öffentlichen Clean-ups gemeinsam mit bis zu 800 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern den Rhein von Müll – per Hand und mit Unterstützung der Rheinkrake. Jahr für Jahr kommen dabei rund 20 Tonnen Abfall zusammen, darunter auch Vogelnester aus Plastikteilen oder Jahrzehnte alte Verpackungen von Schokoriegeln. Die Initiative ist nicht nur am Fluss aktiv: Auch öffentliche Plätze und Naturschutzgebiete gehören zu ihren Einsatzorten. 

Finanziell steht der Verein gut da. „Die Rheinkrake muss alle vier bis fünf Jahre in die Werft und neu lackiert werden, um sie vor Rost zu schützen – das können wir zum Glück ohne Schwierigkeiten finanzieren“, sagt Stock. Möglich machen das Spenden von Privatpersonen und Firmen. Doch er nimmt nicht jede Unterstützung an: „Bei großen Chemiekonzernen, die Chemikalien in den Rhein einleiten, oder bei bestimmten politischen Parteien ziehe ich die Grenze.“ Was der Initiative fehle, seien helfende Hände. Zwar zählt der Verein rund 400 Mitglieder, aktiv bei Sammelaktionen dabei ist jedoch nur ein kleiner Teil. „Es sind immer dieselben Leute, die mit anpacken“, sagt Stock. Er selbst ist regelmäßig im Einsatz und taucht im Rhein, um etwa E-Scooter aus dem Wasser zu bergen. 

Rhinecleanup: an 30 Flüssen unterwegs

Als Joachim Umbach im Jahr 2018 die Rhinecleanup gGmbH gründete, hatte er ein ebenso einfaches wie ambitioniertes Ziel: den Rhein von der Quelle bis zur Mündung von Müll zu befreien. Schnell wurde aus dem Düsseldorfer Projekt eine deutschlandweite Bewegung. Bereits im zweiten Jahr engagierte sich die Initiative auch an Zuflüssen wie Mosel und Ruhr. Heute befreien rund 900 Helfergruppen entlang von 30 Flüssen – von der Elbe bis zur Donau – regelmäßig die Ufer von Abfall. 

Das Knirschen des Plastiks klang wie Packeis.
Clemens Feigl, CEO Everwave

Von der NRW-Landeshauptstadt aus organisiert Umbach gemeinsam mit drei Halbtagskräften zentrale Aktionstage. Einmal im Jahr, am zweiten Samstag im September, kommen sogar zehntausende Freiwillige zusammen. „Im Jahr 2025 haben an diesem Tag rund 50.000 Menschen etwa 300 Tonnen Müll eingesammelt“, erinnert sich der 77-Jährige mit Stolz. Über das Jahr verteilt initiiert das Team zahlreiche Aktionen, zum Beispiel das Sammeln von Zigarettenstummeln, R(h)ein-Kippen genannt. Unterstützt wird das Düsseldorfer Team von jeweils einem Flussbeauftragten, der Aktionen vor Ort organisiert.

Everwave: Plastic Credits für eine messbare Umweltbilanz 

Auf ein weltweit tätiges Geschäftsmodell setzt die Everwave GmbH aus Aachen: Das im Jahr 2018 gegründete Unternehmen entfernt Plastikmüll aus Flüssen. Diese Projekte, etwa in Albanien oder Kambodscha, finanziert Everwave über Plastic Credits: Ein Credit entspricht einem Kilogramm gesammelten Mülls. Unternehmen können diese erwerben, um ihre Nachhaltigkeitsziele messbar umzusetzen. 

Everwave setzt nicht nur auf herkömmliche Sammelaktionen, Sammelboote und Barrieren, sondern auch auf KI-gestützte Technologien. „Wir analysieren den Müll, um ihn anschließend zu sortieren und weiterzuverarbeiten“, erklärt CEO Clemens Feigl. Insgesamt hat Everwave so bereits rund 2,5 Millionen Kilogramm Abfall aus Gewässern entfernt. Allein aus dem Mekong, der zu den zehn meistverschmutzten Flüssen weltweit gehört, fischt das Team derzeit rund 20 Tonnen Plastik pro Woche heraus. Gleichzeitig baut Everwave in den Ländern langfristige Clean-up-Projekte und Infrastruktursysteme auf, errichtet zum Beispiel Sortierzentren und etabliert gemeinsam mit lokalen Partnern Sammel- und Verwertungsprozesse.  

Bei einem seiner ersten großen Einsätze in Bosnien erlebte Feigl einen Moment, der ihn bis heute für seine Arbeit motiviert. Er erinnert sich: „Kilometerweit angestauter Müll, so weit das Auge reichte. Dazu die Geräuschkulisse: Das Knirschen des Plastiks klang wie Packeis.“ Unvergessliche Momente, die ein Leben prägen können.

Plastik, das sich im Meer auflöst …

… könnte künftig helfen, die Ozeane zu entlasten. Forschende aus Japan haben einen Kunststoff entwickelt, der sich in salzhaltigem Meerwasser innerhalb von circa acht Stunden zersetzt – ohne Mikroplastik zu hinterlassen. Grundlage ist eine spezielle molekulare Struktur, die sich durch den Kontakt mit Salzionen auflöst. Noch ist das Material nicht marktreif, gilt aber als vielversprechender Ansatz.

700 Teile
Müll auf 100 Metern Strand sind auf der Nordseeinsel Mellum zu finden – dabei ist sie unbewohnt und frei von Tourismus. 
Quelle: WWF Deutschland

90 Prozent 
der Abfälle im Ozean sinken auf den Meeresboden und sind damit für den Menschen nicht mehr sichtbar.
Quelle: NABU e. V. 

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