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Sommerliche Brise fürs Wohnquartier

Text von Silvia Kücken
07.04.2026
Nachhaltigkeit

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Wie Wohnviertel effizient mit Energie versorgt werden können, zeigt das Beispiel des Wohnquartiers „Das neue Gartenfeld“ im Westen Berlins. Dort entstehen auf einer ehemaligen Industriebrache Tausende Wohnungen und Geschäftsräume. Das Besondere: Das gesamte Quartier soll durch die Abwärme aus einem nahegelegenen Rechenzentrum beheizt werden. 

Wo einst Kabel und Drähte produziert wurden, leben bald rund 10.000 Menschen: Auf dem früheren Industrieareal Gartenfeld in Berlin-Spandau entsteht seit 2021 ein neues Quartier. Neben 4.500 Wohnungen soll es Platz für Gewerbe, Schulen, Kindergärten und ein Hotel bieten. Die ersten Bewohner sind bereits 2025 eingezogen, in diesem Frühjahr soll der Busverkehr in der Siedlung starten. Bis zum Jahr 2032 sollen alle Gebäudekomplexe fertiggestellt sein. 

Der Clou liegt in der Wärmeversorgung: Die Wohnungen und Gewerberäume sollen zum großen Teil durch die Abwärme eines nahegelegenen Rechenzentrums beheizt werden. Das Quartier will damit nicht nur eine Antwort auf den Wohnungsmangel in der Hauptstadt geben. Der nachhaltige Ansatz soll auch ein Beispiel für andere Kommunen sein: „Das Neue Gartenfeld ist eine innovative Modellstadt, bei der wir Nachhaltigkeit von Anfang an mitgedacht haben“, sagt Eva Weiß, Geschäftsführerin der Wohnungsbaugesellschaft Buwog. Das Unternehmen entwickelt gemeinsam mit der kommunalen Wohnungsgesellschaft Gewobag und anderen Trägern das Projekt, das auf einer von Kanälen begrenzten Insel entsteht – und in dessen Nähe ein Rechenzentrum liegt.

Wärme dank Gigabits

Rechenzentren stehen aufgrund ihres hohen Energieverbrauchs oft in der Kritik. Mit Nachhaltigkeit bringen viele Menschen sie daher nicht unbedingt als erstes in Verbindung. Und doch bieten sie großes Potenzial für eine energiesparende Wärmeversorgung, denn beim Betrieb eines Rechenzentrums entsteht Abwärme. Die könnte man sinnvoll nutzen: als Wärmequelle für Wohngebäude.

Das Potenzial ist riesig: Laut Berechnungen des Branchenverbands der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche (Bitkom) könnte Abwärme aus Rechenzentren allein in Deutschland rund 350.000 Wohnungen mit Heizung und Warmwasser versorgen. Einige Kommunen haben das bereits erkannt und neue Wohnquartiere entwickelt, die die Wärme aus Rechenzentren nutzen werden. 

Der Gesetzgeber unterstützt dieses Ansinnen: Das Energieeffizienzgesetz verpflichtet neue Rechenzentren, die ab Juli 2026 neu in Betrieb gehen, dazu, einen Teil ihrer Abwärme zur Nutzung zur Verfügung zu stellen; zunächst 10 Prozent der Abwärme, ab Juli 2027 sollen es 20 Prozent sein. Bestehende Anlagen sind von dieser Regelung ausgenommen  , und findet sich partout kein Abnehmer oder ist die Abwärmenutzung wirtschaftlich nicht zumutbar, entfällt diese Pflicht.

In Berlin ist diese Idee aber bereits Realität: „Das Neue Gartenfeld soll jährlich rund 6.000 Tonnen CO2 einsparen“, rechnet Wohnungsbaugesellschafts-Chefin Weiß vor. Um dies zu ermöglichen, haben die Projektträger eine etwa 1,5 Kilometer lange Abwärmetrasse von einem nahegelegenen Rechenzentrum bis zum Wohnquartier legen lassen. Vor Ort besorgen dann Wärmepumpen den Rest: Da die Abwärme aus Rechenzentren meist nur etwa 25 bis 30 Grad warm ist, ist sie zu kühl, um Gebäude direkt zu heizen. Also machen vier Wärmepumpen im Energiezentrum des neuen Quartiers aus der sommerlichen Gigabit-Brise Wohnwärme  . Ein insgesamt fünf Kilometer langes Nahwärmenetz verteilt die Wärme in die Gebäude des Quartiers. Investitionssumme: insgesamt rund 2 Milliarden Euro, davon rund 340 Millionen für die Infrastruktur. Öffentliche Förderung gab es für die innovative Wärmeversorgung, den Neubaustandard KfW 55 sowie die insgesamt 925 Wohnungen mit preisgebundener Miete. 

Zukunftssichere Versorgung

Alternative Wärmequellen wie industrielle Abwärme können nur ein Baustein in der Energiewende sein. Ihre Nutzung ist stark abhängig von den lokalen Begebenheiten. In Neubaugebieten ist es generell einfacher, die Wärmeversorgung samt der nötigen Infrastruktur von vorneherein ganzheitlich zu planen. Beim Bestandsbau sieht es oft anders aus: Dort trifft man auf bestehende Strukturen, sodass die Installation mit erheblich größerem Aufwand und hohen Kosten verbunden ist. 

Selbst im Neubaugebiet Gartenfeld sei es nicht einfach gewesen, das Zusammenspiel von Abwärme aus dem Rechenzentrum und der Heizung für das Quartier zu planen, sagt Weiß: „Wir mussten Leitungen sowohl über private als auch öffentliche Flächen verlegen – und da sich das Wohngebiet auf einer Insel befindet: sogar unter Wasser.“ 

Das Neue Gartenfeld sei jedoch ein wichtiger Teil der kommunalen Wärmeplanung in Berlin und erfülle schon jetzt die Vorgaben des Wärmeplanungsgesetzes für 2040, sagt die Projektleiterin. Damit Deutschland bis 2045 klimaneutral werden kann, verpflichtet diese 2024 in Kraft getretene Regelung die Kommunen dazu, CO2-einsparende Energiekonzepte für die Wärmeversorgung vorzulegen. Kommunen mit über 100.000 Einwohnern wie Berlin müssen bis 1. Juni 2026 ein Konzept zur kommunalen Wärmeplanung entwickeln. Bis zum 30. Juni 2028 folgen Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohnern. Besonders weit will die Stadt Mannheim mit ihrer kommunalen Wärmeplanung gehen: Sie ist die erste Kommune in Deutschland, die 2035 ihr komplettes Gasnetz abschalten will. Die Haushalte und Unternehmen sollen stattdessen auf Fernwärme oder Wärmepumpen setzen. 

In Berlin sollen künftig 80 Prozent der Wärmenetze mit Wärme aus erneuerbaren Energien oder Abwärme gespeist werden. Die Hauptstadt plant dafür unter anderem, das Stadtgebiet in Wärmeversorgungsgebiete zu unterteilen und je nach Standort entweder das Fernwärmenetz auszubauen oder auf dezentrale Lösungen wie Wärmepumpen zu setzen. 

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