Wasserkiosk: Wasser für alle
Wasserknappheit, Dürren und Kriege – Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Das Berliner Unternehmen Boreal Light hat eine Lösung entwickelt: Ein solarbetriebener Wasserkiosk verwandelt verschmutztes Wasser in Trinkwasser. Das sichert nicht nur das Überleben von Bewohnern in Dörfern, Wüsten- oder Krisengebieten, sondern schafft auch wirtschaftliche Perspektiven.
In vielen Regionen der Welt ist Wasser zwar vorhanden, aber nicht trinkbar. Es ist salzhaltig, verschmutzt oder durch Bakterien verseucht. Die Folge: Jede vierte Person hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Aus Mangel an Alternativen trinken die Menschen verunreinigtes Wasser – mit gravierenden Folgen für ihre Gesundheit. Besonders in Ländern des Globalen Südens verschärft der Klimawandel die Lage, denn Dürren werden häufiger, Böden trocknen aus, Ernten sind weniger ertragreich. Auch in Europa und der Golfregion wird Wasser knapper: Kriege beschädigen die Infrastruktur. Die durch den Klimawandel heißeren und trockeneren Sommer lassen den Bedarf an Trinkwasser zusätzlich steigen. Aber: Berliner Unternehmer haben mit Wasserkiosken vielleicht eine Lösung in petto.
Mit Solarkraft gegen Wassernot
Vor allem in abgelegenen, armen Regionen braucht es eine Lösung, die günstig, robust und leicht verständlich ist. „In vielen Gegenden gibt es kein funktionierendes Stromnetz und die meisten existierenden Anlagen sind sehr teuer", erzählt Ali Al Hakim, Mitgründer von Boreal Light. Also tüftelten er und sein Kollege Hamed Beheshti jahrelang in einer Werkstatt in Adlershof an einer bezahlbaren Anlage, die nur mit Solarstrom funktioniert.
Die Wasseraufbereitungsanlage zu entwickeln erforderte Durchhaltevermögen: Die Gründer wollten sich nicht von Investoren abhängig machen, arbeiteten neben ihren festen Jobs an dem Prototyp – nicht nur eine mentale, sondern auch eine finanzielle Belastung. Eine Crowdfunding-Aktion rettete das Projekt im letzten Moment. 2017 konnten sie den ersten Wasserkiosk in Kenia installieren – und haben damit bewiesen, dass ihre Idee im Alltag funktioniert.
Frischwasser aus dem Container
Die Technik passt in einen klassischen Container, in dem sie sich auch transportieren lässt. Aus Brunnen, Seen oder dem Meer wird Wasser angesaugt, den Strom für die Pumpen liefern auf dem Dach des Containers montierte Solarmodule. Das verschmutzte Wasser durchläuft mehrere Filterstufen bis am Ende frisches Trinkwasser herauskommt. Die Qualität entspricht abgefülltem Wasser aus dem Supermarkt. Ein Wasserkiosk kann bis zu 100.000 Liter pro Tag aufbereiten.
Mittlerweile baut ein Team aus 30 Ingenieuren die Anlagen in Berlin und passt sie an die lokale Wasserqualität an. So ist etwa in Teilen Ghanas das Wasser stark mit Quecksilber belastet, in anderen Gegenden wiederum ist der Eisenanteil besonders hoch. Al Hakim und Beheshti reisen meist selbst zu den Standorten, um die Systeme in Betrieb zu nehmen – und bringen die Erfahrungen und Bedürfnisse der Bewohner anschließend zurück in die Entwicklung. Die Anlagen sind so konzipiert, dass Reparaturen schnell möglich sind: Ein Großteil der Wartungsarbeiten kann mit einfachem Werkzeug erledigt werden, Ersatz für Verschleißteile lässt sich weltweit beschaffen.
Neue Perspektiven durch Wasser
In Kenia betreibt Boreal Light mit dem Tochterunternehmen WaterKiosk eine eigene Gesellschaft. Rund 300 Mitarbeitende montieren, betreiben und warten die Anlagen. Ausgebildet werden sie in der WaterKiosk Academy in Nairobi, an der sie auf Kosten des Unternehmens für mehrere Tage alles über Wasserqualität oder Filtertechnik lernen. Auch internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen oder die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit lassen ihre Mitarbeitenden dort schulen. Wer die Abschlussprüfung besteht, kann einen Wasserkiosk betreiben. Eine von ihnen ist Mesaid Rashid, die eine Anlage im kenianischen Küstenort Mtongwe betreibt. „Ich habe gelernt, wie ich die Anlage bediene und warte, wenn Probleme auftreten. Das gibt mir großes Selbstvertrauen im Umgang mit meinen Kunden", sagt sie.
Für die Bewohner ist der Wasserkiosk eine echte Erleichterung: „Früher bin ich weite Wege gelaufen, um Wasser zu holen“, erzählt Pauline Zawadi aus dem Ort Kibokoni bei Mombasa. „Jetzt sind die Wege viel kürzer und meine Kinder sind nicht mehr krank durch verschmutztes Wasser – es ist frei von Chemikalien und gesund.“ Der Wasserkiosk ist nicht nur Wasserquelle für die Bewohner, sondern schafft auch zusätzliche Einnahmemöglichkeiten, etwa durch vertikale Farmen, in denen Gemüse und Obst über mehrere Ebenen wachsen. Auch Fischzuchtbecken werden von einer am Wasserkiosk angeschlossene Sauerstoffpumpe belüftet.
Flexible Finanzierungsmodelle
Um die Wirtschaftlichkeit zu gewährleisten, haben Al Hakim und Beheshti verschiedene Finanzierungsmodelle entwickelt: Entweder betreibt Boreal Light den Wasserkiosk selbst und refinanziert ihn über den Wasserverkauf. In anderen Fällen teilt sich das Unternehmen die Anschaffungskosten mit lokalen Partnern – etwa Verwaltungen oder Krankenhäuser. Hinzu kommen Modelle, in denen Banken, Stiftungen oder andere Organisationen die Investitionen tragen. In besonders armen Regionen zahlen Bewohner für einen 20-Liter-Kanister zehn Cent – genug, um Betrieb und Wartung zu finanzieren. In Städten wie Mombasa oder Nairobi liegt der Preis bei einem Dollar pro Kanister und damit deutlich unter dem Niveau von Supermarktwasser, aber hoch genug, damit sich die Investition lohnt.
Krisen verschärfen das Wasserproblem
Durch Kriege und Krisen verschärft sich die Situation auch in bisher vom Wassermangel nicht so stark betroffenen Regionen. In Gaza etwa arbeitet Boreal Light gemeinsam mit internationalen Organisationen daran, 90 Wasserkioske zu installieren. Auch in der Ukraine sind die Anlagen unverzichtbar: In der Stadt Mykolajiw brach die Wasserversorgung in der zweiten Kriegswoche zusammen. Boreal Light installierte dort die größte solarbetriebene Trinkwasserentsalzungsanlage Europas. Im Mai 2026 reiste Al Hakim nach Odessa, um zwei Wasserkioske in Schutzbunkern von Grundschulen in Betrieb zu nehmen. „Ich habe die Drohnenangriffe gesehen und die Einschläge gespürt, wir haben kaum geschlafen“, berichtet er.
Die Bedingungen vor Ort machten ein Neudesign der Anlagen notwendig: Die Systeme laufen nun sowohl mit Solar- als auch mit Netzstrom und sind so weit automatisiert, dass nicht immer Personal vor Ort sein muss. Eine weitere Herausforderung: Weil die Anlagen nicht durch die engen Bunkereingänge passten, mussten sie in Module geteilt und vor Ort zusammengesetzt werden.
Wassermangel erreicht Europa
Mittlerweile haben andere europäische Länder wie Portugal, Spanien und Italien Bedarf angemeldet – längere Trockenphasen und heißere Sommer sorgen auch dort für Wassermangel. „Als wir die Firma gegründet haben, habe ich nicht damit gerechnet, dass wir unsere Anlagen in Europa installieren werden", sagt Al-Hakim. Boreal Light will seine Systeme nun gezielt für diesen Markt anpassen und verfolgt das Ziel, bis 2030 in mehr als 50 Ländern präsent zu sein – überall dort, wo sauberes Wasser zur kritischen Ressource wird.
24 Länder
hat Boreal Light bereits mit einem Wasserkiosk beliefert.
Quelle: Boreal Light
100 +
Projekte hat Boreal Light bereits umgesetzt.
Quelle: Boreal Light
2,2 Milliarden Menschen
auf der Welt haben nicht ausreichend sauberes Wasser.
Quelle: UNO
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