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"Es genügt nicht, einfach nur Standards festzulegen"

Text von Mia Pankoke
13.07.2022
Unternehmen

Angesichts der Coronapandemie und Russlands Angriff auf die Ukraine werden Forderungen laut, sich unabhängig von globalen Lieferketten zu machen. Karina Marzano ist Rechtsanwältin und forscht am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam. Sie erklärt, was das für diejenigen bedeutet, die am anderen Ende der Lieferkette stehen und wieso die Gefahr von Versorgungsengpässen durch lokale Produktion allein nicht gebannt wäre.

Tenor: Frau Marzano, Sie forschen an der Schnittstelle zwischen Klima, Handel und Politik. Aktuell spüren wir, was es bedeutet, wenn die globalen Lieferketten stocken. War der Abbau heimischer Strukturen ein Fehler?

Karina Marzano: Wenn es Schwierigkeiten gibt, wird schnell gefordert, die Produktion wieder ins eigene Land zu holen. Meistens im Namen der nationalen Sicherheit und Widerstandsfähigkeit. Das sogenannte Reshoring kann aber auch nach hinten losgehen. Im Zuge der Coronakrise wird beispielsweise die Abhängigkeit von China für Lieferschwierigkeiten verantwortlich gemacht. Tatsächlich kam es aber zu mehreren parallelen, auch nationalen Engpässen. Oft ist nicht die Produktion im Ausland allein, sondern vor allem die Konzentration das Problem – und die findet auch auf nationaler Ebene statt.

Was meinen Sie mit der Konzentration der Produktion?

Ein aktuelles Beispiel ist die Versorgung mit Gas aus Russland. Hätte Deutschland in der Vergangenheit nicht so konzentriert auf Gas und dazu auf Lieferungen aus einem Land gesetzt, wäre die Situation jetzt weniger prekär. Das Risiko besteht nicht generell darin, die Produktion auszulagern, sondern sie auf wenige Lieferanten zu konzentrieren.

Aber hätte eine Binnenproduktion nicht auch positive Folgen, zum Beispiel fürs Klima?

Selbstverständlich bedeuten weniger energieaufwendige Transportwege auch weniger Ausstoß von Treibhausgasen. Kurze Lieferketten sind außerdem überschaubar und es ist leichter zu überprüfen, ob Menschen- und Umweltrechte eingehalten werden. Aber eine rein lokale Produktion würde vermutlich die Effizienz verringern und die Kosten für einige Produkte erhöhen.

Stichwort Menschenrechte: International tätige Unternehmen produzieren dort, wo Arbeitskraft günstig ist und keine Extrakosten, etwa für Umweltauflagen, anfallen. Viele Menschen fordern auch aus diesem Grund mehr lokale Produktion. Wie schätzen Sie die Entwicklung bei diesem Thema ein?

In einigen Fällen reicht öffentlicher Druck allein offenbar nicht aus, um etwas an den Praktiken zu ändern. So wurden etwa in Produkten deutscher Unternehmen Spuren von Baumwolle aus der chinesischen Region Xinjiang gefunden. In Xinjiang ist Zwangsarbeit nachweisbar an der Tagesordnung und die betroffenen Unternehmen hatten versprochen, ihre Lieferketten zu überarbeiten – aber bisher hat sich kaum etwas geändert. Es gibt aber auch andere Beispiele: In Brasilien haben die Verfehlungen der Regierung unter Präsident Jair Bolsonaro und die zunehmende Abholzung der Wälder dem Image des Landes sehr geschadet. Die brasilianische Privatwirtschaft gerät deshalb zunehmend unter Druck. So haben etwa europäische Vermögensverwaltungsgesellschaften damit gedroht, sich von Rindfleischproduzenten, Getreidehändlern und Staatsanleihen in Brasilien zu trennen, wenn die zunehmende Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes nicht gestoppt wird. Zudem haben einige große europäische Einzelhändler, darunter Aldi und Lidl als Reaktion auf eine Kampagne mit dem Namen, „Boykottiert Bolsonaro“ angekündigt, brasilianisches Rindfleisch aus ihren Geschäften zu verbannen. In einem offenen Brief haben sich zudem insgesamt 40 Unternehmen, darunter Aldi Süd, Lidl, Metro, Migros, Sainsbury und Tesco zusammengeschlossen und die brasilianische Regierung zum Schutz der Regenwälder aufgefordert. Der Imageschaden ist so groß, dass er den brasilianischen Firmen den Zugang zum internationalen Markt versperrt – und davon sind auch jene Lieferanten betroffen, die sich zu höheren Sozial- und Umweltstandards verpflichten.

Unterm Strich ist eine günstige Produktion aber immer noch wichtiger als die Einhaltung von Menschen- und Umweltrechten. Wäre es nicht besser, die Produktion aus solchen Ländern ganz abzuziehen?

Das ist ein schwieriger Punkt. Es ist wichtig, Unternehmen in die Pflicht zu nehmen. Einige Lieferketten werden bereits eingeschränkt, um soziale und ökologische Ziele zu erreichen, etwa im Rahmen von freiwilligen Initiativen und aufgrund der angekündigten Sorgfaltspflichtvorschriften der Bundesregierung. Allgemein lässt sich sagen, dass solche Initiativen tatsächlich die Bedingungen im In- und Ausland verbessern – sie können aber auch unbeabsichtigte negative Folgen haben. Unter den zusätzlichen Kosten zum Beispiel von Umweltstandards leiden vor allem kleinbäuerliche Lieferanten, da die Mehrkosten für Nachhaltigkeitsanforderungen oft einfach an sie weitergegeben werden. Dabei verfügen sie nicht über finanzielle Mittel, um ihre Betriebe umzubauen und haben oft keinen Zugang zu staatlicher Unterstützung oder Investitionen. Außerdem besteht die Gefahr, dass Unternehmen sich einfach aus Entwicklungsländern zurückziehen, statt sich die Mühe zu machen, bessere Standards einzuführen. Für die betroffenen Länder ist das fatal: Die Menschen dort verlieren ihre Arbeitsplätze und ihnen wird der Zugang zu Fachwissen, Betriebsmitteln und Technologien verwehrt.

Aber wie kann es dann gelingen, höhere Standards zu gewährleisten, ohne dass lokale Produzenten darunter leiden?

Es genügt nicht, einfach nur Standards festzulegen. Wir müssen auch kontrollieren, dass sie eingehalten werden, Mittel für den Umbau auf eine soziale sowie umweltfreundliche Produktion bereitstellen und Mehreinnahmen an Produzenten weitergeben. Andernfalls droht den traditionellen Produktionsstandorten Arbeitslosigkeit und Armut. Denn die Überwachung der Lieferketten ist zwar ein wichtiger Schritt zur Förderung nachhaltigerer Geschäftspraktiken, aber kein Patentrezept. Wir müssen kreative Lösungen anbieten, den Konsum eindämmen und alternative Wege der ländlichen Entwicklung fördern. So können zum Beispiel Bio-Produzenten ihren Marktanteil erhöhen, wenn sie bei der Umsetzung der geforderten Zertifizierungsprozesse unterstützt werden. Ein Positivbeispiel ist Tchibo: Durch Kooperationen mit brasilianischen Kaffee-Kleinbauern fördert das Unternehmen mit finanzieller und technischer Unterstützung nachhaltige Praktiken. Davon profitieren langfristig nicht nur die Bauern, sondern auch alle, die künftig Kaffee aus den besten Anbaugebieten der Welt trinken möchten.

80 Prozent
des Welthandels basiert auf globalen Wertschöpfungsketten.
Quelle: Bundeministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

 

50 Prozent
der deutschen Unternehmen geben Störungen in Lieferketten als größtes Geschäftsrisiko an.
Quelle: Allianz Risk Barometer 2021

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