„Eine grüne Wand ist viel mehr als nur Deko“
Begrünte Hausfassaden kühlen die Umgebung ab und schaffen neuen Lebensraum. Ein besonderes Beispiel: die Wilde Klimawand am Fraunhofer Campus in Stuttgart. Jonathan Müller von Helix Pflanzensysteme hat das Grün entworfen und realisiert.
Herr Müller, Ihr Unternehmen Helix Pflanzensysteme ist auf Begrünungen für den städtischen Raum spezialisiert und hat die Wilde Klimawand installiert. Wie genau lief die Montage ab?
Jonathan Müller: Zunächst prüften wir die Statik des Gebäudes und planten sehr detailliert, wie die Konstruktion aussehen soll. Die Pflanzen zogen wir acht bis zwölf Wochen lang auf Modulen aus recyceltem Kunststoff mit Steinwollefüllung im Gewächshaus vor. Währenddessen installierten wir die Unterkonstruktion mit Bewässerungstechnik am Haus – in diesem Fall gemeinsam mit einem Schlosserbetrieb. Die eigentliche Montage der bepflanzten Module an die Fassade hat nur vier Tage gedauert. Am Ende ist da nun ein lebendiger Garten statt einer klassischen Wand aus Blech oder Stein zu sehen.
Auf den ersten Blick fällt vor allem die enorme Vielfalt an Pflanzen auf.
Ja, wir haben rund 70 verschiedene, überwiegend heimische Arten integriert. So viele hatten wir noch in keinem Projekt. Viele Pflanzen mussten wir sogar selbst vorziehen, weil sie im Handel nicht erhältlich sind, zum Beispiel den gewöhnlichen gelben Hornklee oder den Weißklee.
Warum sind es so viele Arten?
Uns war es wichtig, für Tiere ein durchgängiges Nahrungsangebot zu schaffen, das auch in den Wintermonaten zur Verfügung steht. So bieten wir Insekten, Vögeln und Fledermäusen einen ganzjährigen Lebensraum.
Welche Vorteile bringt ein vertikaler Garten mit sich?
Eine grüne Wand ist viel mehr als nur Deko. Sie sorgt dafür, dass das Gebäude im Schatten ist, kühlt es durch Verdunstung und schützt die Fassade vor extremen Temperaturspitzen. Die Klimawand wirkt schalldämmend, indem sie Geräusche weniger reflektiert als Beton oder Glas. Besonders stolz sind wir auf den Beitrag zur Biodiversität: Unsere Fassaden schaffen Lebensräume in der Stadt, wo sonst wenig wachsen würde. Und nicht zuletzt sehen sie einfach toll aus!
An welchen Gebäuden lässt sich eine Klimawand installieren?
Grundsätzlich lässt sich fast jedes Gebäude begrünen, solange die Statik stimmt. Gerade leichte, dünne Fassaden, etwa von Logistikhallen, stoßen schnell an ihre Grenzen – schließlich wiegt ein Modul inklusive Erde, Pflanze und Befestigung circa 85 Kilogramm pro Quadratmeter und muss sicher montiert werden. Wir haben Projekte an Neubauten, aber auch an Bestandsbauten. Aus meiner Sicht als Architekt ist es besonders nachhaltig, Bestandsbauten nachzurüsten, statt nur auf Neubauten zu setzen. Wichtig ist dabei immer: Die Fläche sollte über einen Kranwagen oder über eine große Leiter zugänglich sein, damit auch die Pflege der Pflanzen einfach möglich ist.
Wie aufwändig ist es, eine Klimawand am Haus zu haben?
Bewässerung und Düngung laufen vollautomatisch mithilfe von Tropfschläuchen. Sensoren in der Klimawand messen zum Beispiel die Feuchtigkeit und ermöglichen eine passgenaue Steuerung der Wasserzufuhr. Alle unsere Projekte in Deutschland können wir per Computer aus unserem Stuttgarter Büro steuern.
Zweimal im Jahr müssen die Pflanzen zurückgeschnitten werden. Die Konstruktion aus Metall ist praktisch unbegrenzt haltbar, einzelne Pflanzenmodule müssten vielleicht nach 20 Jahren ausgetauscht werden. Wichtig sind eine regelmäßige Kontrolle aller tragenden Teile und deren Instandhaltung – wie bei jedem Garten.
Wie viel kostet eine Klimawand pro Quadratmeter und welche Faktoren beeinflussen den Preis?
Die Höhe variiert stark und startet bei rund 800 Euro pro Quadratmeter, aufwändige Konstruktionen können mehr als 2.000 Euro pro Quadratmeter kosten. Preisentscheidend sind die Unterkonstruktion, die Zugänglichkeit, die Technik und vor allem die Größe. Je größer die Wand, desto günstiger fällt meist der Quadratmeterpreis aus, weil sich der technische und planerische Aufwand besser verteilt.
Klingt zunächst einmal nach einer teuren Grünfläche im Vergleich zum herkömmlichen Garten …
Ja, aber letztlich zählt, dass wir neue, vertikale Lebensräume an Stellen schaffen, die sonst nicht nutzbar wären – und zwar unabhängig von der Größe. Die Wilde Klimawand in Stuttgart misst zum Beispiel 200 Quadratmeter, aber auch kleinere Klimawände wirken sich vorteilhaft auf die Umgebung aus. Wir realisieren Projekte ab etwa 20 Quadratmetern, haben aber auch schon Fassaden von mehr als 1.500 Quadratmetern umgesetzt, etwa die Fassadenbegrünung einer Energieversorgungszentrale in der Nähe von Stuttgart.
Die Stadt Stuttgart hat die Wilde Klimawand über den Klima-Innovationsfonds gefördert.
Das ist richtig, über den Klima-Innovationsfonds wurde das Projekt mit rund 98.600 Euro gefördert. Die Unterstützung bei der Finanzierung ist ein wichtiger Hebel, damit mehr solcher Grünfassaden entstehen – gerade, weil die Kosten höher sind als bei herkömmlichen Grünflächen.
Gibt es solche Förderungen auch in anderen Bundesländern oder Städten?
Ja, sicher. Es gibt bereits kommunale Förderprogramme wie in Frankfurt oder auf Landesebene wie in Nordrhein-Westfalen. Leider werden die Mittel oft nicht ausgeschöpft – aus vielerlei Gründen; etwa, weil die Förderprogramme nicht bekannt oder die Anträge aufwendig zu bearbeiten sind. Ich bin der Meinung: Öffentliche Förderungen sind entscheidend, um mehr Grün in die Städte zu bringen. Für Unternehmen und Privatleute schafft es Anreize, wenn sich die Kommunen beteiligen, da Fassadenbegrünungen für viele zu einer kostspieligen Angelegenheit werden können.
Welche Rolle können begrünte Fassaden in der Stadtentwicklung und im Kampf gegen urbane Hitzeinseln künftig spielen?
Die meisten Städte haben ein Platzproblem. Wenn keine Bäume gepflanzt werden können, bieten Fassaden enorme Flächenreserven für grünes Leben, das kühlt, die Artenvielfalt fördert und die Aufenthaltsqualität verbessert. Ich bin überzeugt, dass Städte mehr Natur brauchen. Die Praxis zeigt, dass es funktioniert.
Zur Person
Jonathan Müller ist seit 2018 in der Geschäftsleitung von Helix Pflanzensysteme tätig. Das Familienunternehmen hat sich auf innovative Fassaden- und Gebäudebegrünung spezialisiert. Als Architekt sieht sich der 36-Jährige an der Schnittstelle von Baukunst und Gartenbau.
28.661 Tierarten
sind weltweit vom Aussterben bedroht.
Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung, 2025
89 Pflanzenarten
(bis zu) können auf einem Quadratmeter Wiese und Weide wachsen.
Quelle: Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft
Natrium-basierte Akkus können dabei helfen, Speicherlösungen jenseits der Lithium-Ionen-Akkus zu etablieren – mit überraschenden Zutaten, zum Beispiel Lavendel.
Ob in der Stadt oder auf langen Strecken: Wer elektrisch fährt, braucht zuverlässige und einfach zugängliche Lademöglichkeiten. Kommunen, Hersteller und Forscher setzen auf innovative Lösungen – von Ladelaternen und Ladebordsteinen über Batteriewechselstationen bis hin zu kabellosen, induktiven Systemen.
Saubere, sichere und nahezu unerschöpfliche Energie – Fusionskraft gilt als Hoffnungsträger für die Energieversorgung der Zukunft. Besonders weit fortgeschritten ist das Verfahren der Magnetfusion. Sibylle Günter, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik (IPP), erklärt im Interview, wie Magnetfusion funktioniert, an welchem Punkt die Forschung steht und wann das erste Kraftwerk ans Netz gehen könnte.
Ob Hochhaus, Bürokomplex, Lagerhalle oder Parkhaus – im urbanen Raum prägen Betonfassaden das Bild. Diese Flächen könnte man nutzen, um Schadstoffe aus der Luft zu filtern. Eine luftreinigende Textilfassade an der Volkshochschule in Köln zeigt: Die Idee ist alles andere als aus der Luft gegriffen.